Leseprobe Prolog

La Segnata

Im Spätsommer 1944 begannen die Alliierten, die Gotenstellung zu stürmen. Für die Bewohner vieler Städte im Norden Italiens war damit der Krieg zu Ende. Für Lisa war dies das Signal, Florenz zu verlassen. Sie packte die wenigen Habseligkeiten zusammen, die sie hatte: eine Bibel, ein Stück Seife, einen Kanten Brot und das, was ihr am wichtigsten war: ihr einjähriges Kind, Cesare. In Ermangelung eines Rucksacks wickelte sie alles in ein vor Schmutz starrendes Tuch, verknotete es um den Hals und trug es vor der Brust. Vornübergebeugt durch diese Last, stolperte sie durch die modrigen Gänge der Kanalisation und trat schließlich an den schlammigen Ufern des Arno durch eine rostige Tür ins Freie.

Sie blinzelte. So grau der Tag sein mochte, für Lisa war die Helligkeit schmerzend. Viel zu lange hatte sie in der Dunkelheit gelebt, ihrem einzigen Schutz vor der Bedrohung, die ihr Leben zerstört hatte. Sie schaute sich um. Florenz war gezeichnet von den Bombardements: schwarze Rußspuren an den Türmen, leere Fensterhöhlen wie die toten Augen des Krieges. Von Ferne hörte sie das Knirschen von Panzerketten auf Schutt und das Brummen von Dieselmotoren. Jetzt kamen die Briten.

 Hatte sie schon unter der deutschen Besatzung gelitten, hatte sie doch ebenso wenig für die Befreier übrig. Denn es waren immer die Frauen, die die Rechnung zahlten.

Sie senkte den Blick auf den schlafenden Jungen in ihrem Arm und berührte zärtlich seine Wangen.

«Du wirst leben, kleiner Cesare,» flüsterte sie. «Aber jetzt muss ich einen sicheren Ort für dich finden.«

Tränen stiegen ihr in die Augen, doch sie schluckte sie herunter. Dies war nicht die Zeit dafür. Sie nestelte eine Wasserflasche von ihrem Gürtel und kniete sich an den Fluss. Die Flasche war aus Armeebeständen – ein Geschenk, das sie mit einem hohen Preis bezahlt hatte. Jedes Mal, wenn sie die Flasche berührte, bekreuzigte sie sich. Als sie die Flasche ins Wasser tauchte, spiegelte sich ihr Gesicht im trüben Arno. Sie sah die Gezeichnete. La Segnata. Ihr einst glattes, strahlendes Gesicht war von Schmutz und der verästelten Narbe entstellt, die ihre rechte Gesichtshälfte durchzog. Niemand würde sie je wieder als schön bezeichnen. Und das war gut so. Schönheit war gefährlich.

 Den Kopf gesenkt, das Bündel an sich gepresst, drängelte sie sich durch die Menschenmenge auf dem Ponte Vecchio, der einzigen noch intakten Brücke über den Arno.  Vor nicht allzu langer Zeit hatten sich hier die Schwarzen Brigaden Mussolinis und kommunistische Partisanen gegenübergelegen. Nun war sie das Nadelöhr auf dem Weg nach Norden. Als sie die einst stolzen Monumente der Altstadt hinter sich gelassen hatte, schloss sie sich dem Flüchtlingstreck an, der den alliierten Truppen auf ihrem Marsch nach Prato in den Panzerspuren folgte.

Immer wieder sah Lisa zurück, als könnte etwas Dunkles, Unausweichliches sich hinter ihr aus den Schatten erheben. Erst als die schartigen Türme von Florenz hinter dem Horizont verschwanden, wurde ihre Haltung etwas zuversichtlicher.

»Wir werden es schaffen, mein Sohn, wir werden es schaffen!«, wisperte sie ihrem Kind zu. »Ich habe ihn besiegt, auch wenn es mich all meine Kraft gekostet hat. Und du wirst den Rest erledigen. Irgendwann.«

Der Kleine begann zu wimmern. Cesare war ein blonder, blauäugiger Knabe. Seine Haut war heller als üblich. Er war dünn und unterernährt, wie fast alle Kinder dieser Zeit, und schien doch von Minute zu Minute schwerer in ihren Armen zu liegen. »Ganz ruhig, Kleiner. Mami besorgt dir was zu essen.«

Lisa setzte ihre letzten Lire bei einem Straßenhändler in Milch und Suppe um. Andauernde Unterernährung hatte dazu geführt, dass ihre Brüste zu wenig Milch produzierten, so dass sie das Kind kaum noch ausreichend stillen konnte.

Die Wolken hatten sich verzogen. Die Sonne stand im Zenit und brannte unbarmherzig auf den Strom von Flüchtlingen hinab. Dazu kam die Angst vor Partisanen, die damals die Berge unsicher machten. Lisa fürchtete, dass jeden Moment ein Trupp von ihnen aus den Wäldern kommen konnte, um Rache an angeblichen Kollaborateuren zu üben. Und oft war es ihnen egal, ob es wirklich Kollaborateure waren, die sie beraubten und ohne viel Federlesens am Straßenrand erschossen. Lisa hatte schreckliche Dinge gehört – auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Stadt, die sie immer mal wieder unternehmen musste, um etwas zu essen aufzutreiben.

Niemand achtete auf Lisa. Und auch Lisa verschwendete auf keinen der Entgegenkommenden einen Blick. Nur wenn sie jemand überholte, wandte sie sich ab, und zog das Tuch dichter über das Kind. In ihrem Gesicht stand erschöpfte Gleichgültigkeit. Es roch nach Staub und Lumpen, nach dem Rauch der Notlager und nach dem Kot der Zugtiere, die man vor die Karren gespannt hatte.

Lisa wanderte durch La Briglia, später durch Vaiano und schlief ein wenig auf freiem Feld an der Straße nach Carmingnanello. Sie machte seltsame Bewegungen, als würde sie etwas in die Luft schreiben, als sie erwachte, und sie murmelte wie eine Schwachsinnige vor sich hin. Dann wurde Lisa wütend. »Warum kann ich das nicht?«, schrie die junge Mutter – und hielt sofort inne, als der Kleine zu weinen begann. »Scht…scht.. alles gut. Mami will dich doch nur beschützen.« Sie biss die Zähne zusammen. »Aber ich kann es nicht«, setzte sie dann schluchzend hinzu. Tapfer setzte sie ihren Weg fort.

Der Weg wurde immer steiler und trockener. Der Spätsommer war keine gute Zeit für Gewaltmärsche dieser Art. Gegen Abend zog sie müde die Füße nach. Nur selten begegnete sie einem Menschen. Einsame Wanderer, wie sie, kamen ihr entgegen, grüßten sie durch einen flüchtigen Blick und zogen weiter.

Lisa erreichte die Stadt Vernio nicht mehr. Ihre Beine versagten ihr den Dienst. Sie suchte sich eine alleinstehende Pappel als Schattenspender und ließ sich dort nieder, das Kind fest an sich gepresst. Sie schlief fast in dem Moment, da sie die Erde berührte.

Lisa erwachte in der Nacht, als der Kleine schrie und in ihren Armen strampelte. Sie versuchte ihn zu beruhigen und gab ihm ein wenig vorgekautes Brot zu essen. Es war empfindlich kalt und Lisa fröstelte in ihrem löchrigen Umhang. Der Kleine beruhigte sich jedoch und bald fielen beide wieder in einen unruhigen Schlaf.

Die junge Mutter erwachte früh am Morgen durch das Geräusch eines Bauernkarrens, der von einem Esel gezogen wurde. Oben auf dem Bock, saß eine rundliche Bäuerin. Der Wagen war mit Feldfrüchten beladen, die sie wohl zum Markt nach Cantagallo brachte. Als der Karren Lisa und ihr Kind erreichte, zügelte die Frau den Esel und sah auf die Mutter herab. Keine gesprochene Bitte kam über Lisas Lippen, doch ihr Blick sprach Bände. Auch die Bäuerin sagte nichts, sondern stieg stumm von Karren herab, um Lisa aufzuhelfen.

Dabei erst, bemerkte sie das Kind. Sie hielt inne, um den Knaben zu betrachten. Sie sah wie ausgezehrt er war. Seine Augen blickten sie in einem Ernst und einer Art Bitterkeit an, wie sie Kindern eigen ist, die tief im Elend leben.

Die resolute Frau überlegte nicht lange. Die Landwirtin nahm Lisa kurzerhand das Kind aus dem Arm und nestelte ihre Bluse auf.

»Hab erst vor kurzem ein neues Balg bekommen«, sagte sie dabei. Lisa brachte nur ein dankbares Nicken zustande, als sie sah, wie der Junge sich an den üppigen Brüsten der Bäuerin sättigte. Danach setzten sie die Reise zu dritt fort. Lisa und der Kleine schliefen auf der Ladefläche, während die Landwirtin den Karren nach Cantegallo lenkte.

Als sie die Marktstadt erreicht hatten, stieg Lisa ab und drückte ihrer Helferin die Hand. »Sagt Ihr mir Euren Namen, damit ich für euch beten kann?«, sagte Lisa mit leiser Stimme.

Die Bäuerin legte ihr eine Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf. »Ich heisse Felicetta aber ich habe Gebete weniger nötig als Ihr. Nehmt noch ein wenig von meinem Gemüse mit.«

Lisa nickte und nahm sich etwas von den Feldfrüchten: Ein paar Kartoffeln, eine Stange Lauch. Viel konnte sie ohnehin nicht tragen.

»Wo willst du überhaupt hin, mein Kind?«, fragte Felicetta und blickte ernst in das ausgemergelte Gesicht der jungen Mutter. Da war noch etwas anderes, eine Art Wunde, die regelrecht zu gären schien.

»Kind, was hat man dir angetan?«

Lisa schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: »Ist es noch weit bis nach Castelpiano?«

Die Bäuerin sah auf das Kind hinab und verstand. »Du willst zum Waisenhaus, hab ich recht?«

Lisa nickte nur. Felicetta seufzte. »Möchtest du dir das nicht nochmal überlegen? Ein Kind gehört zu seiner Mutter.«

Lisas Augen füllten sich mit Tränen. »Ich hab aber nicht mehr viel Zeit«, flüsterte sie.

Felicetta sah die beiden eine Weile an. Sie war hin- und hergerissen, zwischen ihrer Pflicht, ihre Früchte auf dem Markt zu verkaufen, oder dieser jungen Mutter zu helfen. Schließlich siegte die Pflicht gegenüber ihrer Familie.

»Wenn du noch eine Weile warten könntest, würde ich dich ja hinbringen…«

Die junge Mutter schüttelte erneut den Kopf. »Ist es noch weit?«

Felicetta deutete nach Norden. »Nein, nur noch ein paar Kilometer in diese Richtung. Wende dich an Signora Gaspari. Das ist eine gute Frau.«

Lisa nickte dankbar. Dann setzte sie ihre Reise fort.

Gegen Mittag verschlechterte sich ihr Befinden. Nachdem Lisa das rohe Gemüse gegessen und gleich wieder erbrochen hatte, lehnte sie sich kraftlos gegen einen Olivenbaum. Der Kleine in ihrem Arm wimmerte vor Hunger, und in ihrem Kopf tobte ein Sturm aus Verzweiflung und Wut. Sie hatte keine Kraft mehr, und doch spürte sie das Flackern von etwas Vertrautem in sich – ein uraltes Erbe, das sie lange verleugnet hatte.

Die Schatten der Zypressen zitterten im Wind, als sie langsam das Gemüse vor sich auf den Boden legte. Ihre Finger umschlossen fest den kleinen Anhänger, den sie um den Hals trug, während sie die Augen schloss. Tief in ihrem Inneren suchte sie nach der Verbindung, die sie einst aufgab – die sie aber niemals verlassen hatte.

«Anechthon,« flüsterte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch das Wort schien durch die Luft zu schneiden wie ein unsichtbarer Blitz.

Vor ihr schwebte plötzlich eine kleine, schimmernde Kugel auf – irisierend und durchscheinend, pulsierend wie das erste Licht der Dämmerung. Sie war nicht größer als ein Tennisball, doch sie strahlte eine seltsame Wärme und Kraft aus. Der Nexus. Lisa starrte ihn für einen Moment an, und die vertraute Faszination überkam sie. Wie lange war es her, seit sie diese Magie zuletzt benutzt hatte?

«Calenta,« hauchte sie, ihre Stimme kaum hörbar. Der Nexus begann sich zu drehen, schneller und schneller, bis ein leises Summen die Stille durchbrach. Ein goldener Lichtstrahl sprang von der Kugel aus auf die Kartoffeln vor ihr über. Zuerst tat sich nichts, doch dann hörte sie das vertraute Knacken – die Schale platzte auf, und ein Duft von geröstetem Gemüse erfüllte die Luft.

Lisa spürte, wie ihr Körper vor Anstrengung zitterte. Sie kniete nieder und nahm eine der Kartoffeln in die Hand. «Sieh nur, Cesare,« flüsterte sie. «Deine Mama kann es doch noch.«

Mit einer Hand zerdrückte sie die weiche Frucht und reichte sie dem Kleinen. Cesare nahm sie gierig an, als hätte auch er gespürt, dass dies keine gewöhnliche Mahlzeit war.

Doch Lisa wusste es besser. Der Nexus schwebte noch einen Moment in der Luft, bis er sich auflöste, ein kaum hörbares Knistern zurücklassend. Sie starrte auf den leeren Fleck, wo er eben noch gewesen war. Die Magie war da, aber sie wusste: Sie war ein zweischneidiges Schwert. Und sie hoffte inständig, dass diese Anwendung der Macht nicht bemerkt worden war.

Endlich etwas gestärkt, setzte sie ihren Marsch fort. Nach etwa einer Stunde schien sie sich verlaufen zu haben. Sie hatte irgendwann eine Abzweigung genommen, die sie für eine Abkürzung hielt und nun irrte sie auf steinigen Bergpfaden umher und fand nicht einmal mehr einen schattigen Platz. Und dann sah sie es. Sie stand auf einem Hügel. Unter ihr fiel die Landschaft ab, ein Pfad wand sich durch das Geröll in das Tal hinunter. Und dort erblickte sie die Bake. Eine gleißende, orangerote Lichtsäule, die sich bis in den Himmel erstreckte.

»Der Marcam«, flüsterte sie ihrem Kind zu. »Kannst du das sehen? Natürlich kannst du das. Alle Fioris können es. Wir sind bald am Ziel.«

Die Landschaft vor ihr begann zu verschwimmen, ein Tanz aus Licht und Schatten. Sie taumelte den Weg hinunter, das Ziel klar vor Augen: Castelpiano. Die Häuser des kleinen Bergdorfes tauchten vor ihr auf, wie aus einer längst vergangenen Erinnerung.

Aus dem Bündel selbst ertönte kein Laut. Lisas Kräfte ließen endgültig nach.

Halb in Trance gewahrte sie die Häuser des kleinen Bergdorfes. Das Ortsschild ›Castelpiano‹ nahm sie kaum mehr wahr. Nur verschwommen registrierte sie hellrote Dächer, knorrige Olivenbäume, die zäh eine ausgedörrte Erdschicht hielten; einfache, alte Gemäuer, klein und ohne Mörtel in den groben Fugen. Dann eine große Tür aus Holz, eisenbeschlagen, deren Glocke ihre kraftlose Hand nicht mehr erreichte, eine rissige Wand, in deren Schatten sie erschöpft niedersank.

Am Abend fand Signora Gaspari sie dort liegen. Die Leiterin des Waisenhauses war eine resolute Frau mit einem Herz für verlorene Seelen. Mit geübtem Blick entdeckte sie das Kind, das Lisa in ihren Armen hielt, und schlug das Bündel vorsichtig auseinander.

«Madre de Dio«, flüsterte sie, als sie das dünne, blasse Gesicht des Jungen sah. Sie rief nach ihrer Nachbarin, damit diese einen Arzt holte, doch sie wusste, dass sie handeln musste.

«Du wirst hier in Sicherheit sein, Kleines,« murmelte sie, während sie den Jungen ins Haus trug.

Erst als sie Lisa vorsichtig Wasser einflößen wollte, bemerkte sie, dass die junge Mutter nicht mehr atmete.

Die Glocke des Waisenhauses ertönte, und der Bergwind trug das düstere Signal durch die stillen Gassen von Castelpiano.

Signora Gaspari faltete Lisas Hände über ihrer Brust und sprach leise ein Gebet. «Möge deine Seele Frieden finden.«

Drinnen begann Cesare zu wimmern, doch sein Laut war nicht der eines gewöhnlichen Kindes. Er vibrierte in der Luft wie ein ferner Akkord.