2. Die Tür zur geheimen Welt
Cesare zeigte weder besonderes Interesse an der Schule, noch eine Abneigung dagegen, es schien ihm herzlich egal zu sein. Die meiste Zeit verbrachte er ohnehin zu Hause über Abenteuerromanen, aber auch Büchern, die seinem Alter keineswegs entsprachen, wie zum Beispiel die Werke Bacchellis, Jack Londons und Tolstoi. Seine Lehrer bemerkten schnell, dass Cesare unterfordert war. Er glänzte in fast allen Fächern und zeigte sogar im Sportunterricht gute Leistungen; er war wendig und schnell, seine Auffassungsgabe war bemerkenswert. Oft mussten Lehrer ihm eine Sachlage nur ansatzweise erklären, da drehte er sich entweder auch schon um mit den Worten »Habe verstanden« oder er fragte so lange nach, bis auch die klügsten Lehrer keine Antworten mehr hatten.
Die meiste Zeit verbrachte er jedoch in der geheimen Bibliothek im tiefsten Kellergeschoss der Villa. Dort las er Bücher, von deren Existenz die wenigsten Menschen überhaupt Kenntnis hatten. Der Capitano bemerkte das natürlich, doch er unternahm nichts dagegen. Er machte allerdings auch noch keine Anstalten, dem Jungen die seltsamen Inhalte erklären zu wollen. Er ließ ihn einfach gewähren.
Sowohl die Lehrer als auch Violetta befürchteten, Cesare könnte wegen seiner Klugheit als Streber gehänselt und ausgegrenzt werden, nur der Capitano zeigte dahingehend keinerlei Besorgnis.
»Macht euch keine Sorgen, der Racker wickelt alles und jeden um den Finger, nur mich nicht«, war stets seine Antwort, wenn die Sprache darauf kam. Und es stimmte: Cesare hatte keine Feinde. Allerdings hatte er auch keine wirklichen Freunde oder Spielgefährten. Fast schien es, als wäre Cesare seinen gleichaltrigen Mitschülern unheimlich.
So verliefen die Tage ruhig auf Schloss Nevicata. Capobianco war ein Sonderling, Cesare schien es ebenfalls zu sein, und so gestaltete sich das Zusammenleben harmonisch.
Cesare war ungefähr elf Jahre alt, als sein Interesse an seiner Herkunft erwachte. Nur leider konnte ihm sein Ziehvater darüber wenig sagen, oder wollte es auch nicht.
Die Folgen dieses Interesses zeigten sich erstmals an einem warmen Montag des beginnenden Frühlings. Capobianco streifte durch den verwilderten, von Zypressen gesäumten Schlosspark und folgte dem Weg, der einen kleinen Hang hinauf führte. Dort, unter den tiefhängenden Zweigen einer Olive saß Cesare.
Andächtig schaufelte der Junge Erde auf den Leichnam einer Taube. Er hatte zwei Stunden vor dem Erdloch gesessen, welches er für das Tier gegraben hatte, bis die Kerzen abgebrannt waren. Beim Spielen im Garten hatte er das Tier entdeckt und sogleich bemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmen konnte. Er war mit der Taube zu Daniele, dem indischen Gärtner gelaufen, doch der hatte nur gesagt, dass sie sterben müsse. Ihre Zeit sei abgelaufen; er sollte sie ›hinüber geleiten‹ und ihr dann ein kleines Grab geben.
Das tat er jetzt, gewissenhaft und mit kindlichem Ernst.
»Vogel, kleiner Vogel«, sagte er leise, » bist du jetzt da, wo meine Mama ist?« Sachte trat der Capitano hinter ihn:
»Wenn Tiere und Menschen an den gleichen Ort kommen sollten, dann ist er jetzt da, wo deine Mama ist.«
Cesare wandte sich um und wischte sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.
» Aber wo ist das genau?«
»Das kann ich dir nicht sagen, Cesare.«
»Und die Violetta, weiß die es auch nicht?«
»Nein, die Violetta weiß es auch nicht. Obwohl … » Der Capitano legte die Stirn in Falten, als würde er grübeln. »Violetta ist katholisch, sie wird dir alles Mögliche erzählen, wo deine Mutter jetzt ist, aber vertraue mir, das ist alles Humbug.«
»Aber vielleicht weiß es ja die Taube. Wenn sie dahin geht, wo Mama jetzt ist, könnte sie ja einfach fragen, oder nicht?«
»Unter den genannten Umständen, ja. Natürlich könnte die Taube fragen wo sie ist, aber wie soll sie es uns dann wieder sagen? Sie kann ja auch nicht mehr zurück.«
Cesare blinzelte in die Sonne.
»Warum kannst du nicht mit Mama reden? Du redest doch manchmal mit den Toten?«
»Wie kommst du darauf? Ich tue das nicht, niemand tut das. Gut, es gibt Verrückte, die das in Seancen….«
»Und warum kannst du nicht mit der Taube sprechen?«, unterbrach ihn Cesare ungeduldig.
»Aus den gleichen Gründen, außerdem – es ist sehr schwierig mit Tieren zu sprechen. Sie haben ihre eigene Art.«
»Sie sagt es bestimmt einem Tier«, sagte Cesare ernsthaft und nickte. Der Capitano lächelte.
»Gar keine so schlechte Idee«, antwortete er. »Vielleicht tut sie das ja.« Für Capobianco war die Sache damit offensichtlich erledigt, denn er ging zum Haus zurück.
Nach einer Weile verließ auch Cesare das Grab. In seinem Zimmer saß er dann nachdenklich am Schreibpult und sortierte die Zeichnungen, die er von seiner Mutter gemacht hatte. Natürlich wusste er nicht, wie sie ausgesehen hatte, doch er hatte eine klare Vorstellung davon. Er hatte Signora Gaspari oft genug gelöchert, um ein möglichst exaktes Bild zu erhalten.
Die Zeichnungen und Skizzen waren sehr exakt und zeugten von Talent. Sie zeigten eine meist ernste, manchmal aber auch lächelnde junge Frau mit dunklem Haar und blassem Teint. Ein Bild gefiel ihm besonders. Es zeigte die junge Frau an einem Flügel, der dem ähnelte, der unten in Capobiancos Salon stand. Cesare konnte nicht genau sagen, warum er seine Mutter an diesen Flügel gesetzt hatte, es war einfach eine Eingebung gewesen.
»Kommst Du zum Kaffee, Cesare?« Das war Violetta, die ihm vom Fuß der Treppe aus rief. Cesare hatte kein Interesse an Kaffee. Er bekam ohnehin immer nur Muckefuck, da ihm Koffein noch nicht erlaubt war. Er hatte auch keine Lust zu antworten. Er wollte nicht trinken, nicht reden, nicht getröstet werden. Wenn ihm schon niemand sagen konnte, wo Lisa hergekommen war, blieb ihm wenigstens etwas, das sich nicht widersprach: Papier, Linien, Orte.
Statt einer Antwort holte er eine große Landkarte aus dem Schrank, entfaltete sie und legte sie auf den Boden.
Die Karte zeigte die Toskana in ihrer Gesamtheit. Im Norden und Osten waren noch die angrenzende Emilia-Romagna zu sehen, im Süden ein Teil von Latium. Florenz, und damit auch Nevicata, lagen etwa in der Mitte der Karte. Cesare liebte Landkarten. Wenn er sich in sie hineindachte, sein Blick den Konturen der Küsten und Flüsse folgte, entstanden farbenprächtige Bilder vor seinem inneren Auge, so als flöge sein Geist wie ein Vogel über Länder und Grenzen hinweg. Auf Karten konnte nichts einfach verschwinden. Alles hatte einen Namen, eine Richtung, einen Ort.
Er war so sehr in die Betrachtung der Karte versunken, dass er das Tier zunächst gar nicht bemerkte. Irgendwo am nordwestlichen Rand, aus Ligurien her, musste die Ameise auf das Papier gelaufen sein. Cesare nahm sie erst wahr, als sie schon in der Gegend von Castelpiano umherkrabbelte.
Einen Moment lang wurde er traurig, weil ihn der Name an das Waisenhaus erinnerte und er an Sharah denken musste. Dann aber beugte er sich näher über die Karte. Zuerst fand er es nur komisch, die Ameise auf den gedruckten Straßen wandern zu sehen, fast wie ein winziges Reisespiel. Doch je länger er hinsah, desto weniger wirkte ihr Lauf zufällig. Von Castelpiano aus marschierte sie eine Bergstraße entlang und folgte dabei erstaunlich genau deren Windungen – ein, für eine Ameise, recht eigentümliches Verhalten.
Cesare dachte nicht darüber nach. In seiner Phantasie sah er die Serpentinen vor sich, Bergflanken bauten sich vor ihm auf, sogar die sengende Sonne konnte er fühlen. Es war ihm, als würde er von der Ameise getragen. Ein Hauch von Erinnerung drang in sein Bewusstsein, und tief in seinem Innern ahnte er, dass er es war, der dieser kleinen Ameise den Weg zeigte.
In diesem Moment wurde die Tür zu seinem Zimmer geöffnet und der Capitano stand im Rahmen. Er sagte nichts. Er blieb einen Herzschlag zu lange stehen, als hätte auch er begriffen, dass hier etwas nicht stimmte. Dann fiel sein Schatten über die Karte.
Cesare fühlte, wie ihm die Ameise entglitt; ihr Gekrabbel wurde zusehends sinnloser. Angestrengt bemühte sich der Junge um Konzentration, zwang sich zurück in dieses Gefühl hinein. Das Tier nahm nun verschiedene Abzweigungen, die auf der Karte gar nicht verzeichnet waren, doch Cesare nahm an, dass es sie gab. Schließlich bog es auf eine größere Straße ein, die nach Westen aus den Bergen herausführte. Hinter Montenurio krabbelte es dann nach Süden, in Richtung Florenz, bis tief ins Zentrum. Dort blieb es stehen.
Cesare hielt den Atem an.
Dann rührte es sich nicht mehr. Es war wie tot. Cesare erwachte wie aus einer Trance.
»Du hast sie umgebracht?«, flüsterte er.
»Nein«, antwortete der Capitano. »Sie ist vermutlich am Ziel. Nimm sie hoch und setze sie woanders hin.«
Cesare folgte dieser Anweisung. Kaum hatte er das Insekt auf den Boden gesetzt, krabbelte es davon. Er sah ihm nach, bis es in einer Bodenritze verschwunden war. Dann erhob er sich und blickte Capobianco an.
»Na und?«, sagte dieser. »Florenz ist groß. Außerdem liegt es nahe, dass deine Mutter von dort gekommen ist. Ich glaube nicht, dass dich das wirklich weiterbringt.«
»Wir gehen sie trotzdem suchen, nicht wahr?«
Capobianco schüttelte den Kopf.
»Cesare, ich habe wirklich wichtigere Dinge zu tun, als in Florenz einem Phantom hinterherzujagen. Wenn du alt genug bist, kümmere dich selbst darum – oder sieh ein, dass es sinnlos ist. Und damit jetzt genug.«
Cesare biss sich auf die Unterlippe und wischte eine Träne aus dem Auge. Trotzig blickte er zu Boden und antwortete nicht.
»Nun sei nicht so enttäuscht«, versuchte der Capitano ihn zu beruhigen. »Es ist reine Zeitverschwendung, glaube mir.«
»Du hast doch genug Zeit«, murmelte Cesare kaum hörbar. »Du willst bloß nicht, das ist alles.«
»Es ist nicht deine Aufgabe, kleiner Cesare«, versetzte Capobianco schneidend, »zu beurteilen, was ich mit meiner Zeit anfange. Und was ich will oder was ich nicht will! Geh dir jetzt die Hände waschen, Violetta wartet mit dem Kaffee auf uns!«
Damit verließ er das Zimmer.
ooOoo
In der Nacht darauf begannen die Träume. Es war immer derselbe Traum, der Cesare zutiefst verstörte: er lag in seinem Bett, als wäre er wach. Doch tief im Inneren wusste er, dass er schlief. Durch seine geschlossenen Augen hindurch sah er einen Schatten an der Decke. Ein Schatten mit den Umrissen einer menschlichen Gestalt, doch aufgrund seiner Flachheit fehlten sämtliche Details, wie Geschlecht, Aussehen und Kleidung. Es war einfach nur ein menschlicher Schatten, der Arme und Beine hatte. Und einen Arm streckte er aus, deutete direkt auf Cesare, schien in seine Brust zu ragen, als wolle er dem Jungen das Herz herausreißen. In einer anderen Nacht schien der Schatten in Richtung Nordosten zu deuten – Florenz. Und in der dritten Nacht schien er zu wispern: Komm zu mir, ich sage dir, wer du bist!
Cesare wollte etwas entgegnen, Fragen stellen, sich bewegen, um den Schatten zu verscheuchen, doch er war wie gelähmt. Irgendwann wachte er dann keuchend auf.
Die folgenden Wochen vergingen ereignislos, und Cesare schien sich mit seinen Träumen abzufinden, so dass Capobianco zu hoffen begann, die Angelegenheit sei aus der Welt. Er sollte sich irren.
Eines Morgens erwachte Capobianco unruhig, irgendetwas war nicht in Ordnung. Sofort suchte er Cesares Zimmer auf. Das Bett war ordentlich gemacht, das Zimmer leer. Eine rasche Überprüfung des Hauses ergab, dass Cesare verschwunden war. In der Halle stieß er auf eine aufgelöste Violetta, die bereits auch schon das ganze Haus abgesucht hatte, und ihm nun mit weinerlicher Stimme mitteilte, dass Cesare nicht aufzufinden sei.
Als der Capitano das Haus verließ, war er bereits in Hut und Mantel. Wortlos stürmte er durchs Tor und war verschwunden.
Einen Rucksack umgeschnallt, begleitet von der Morgensonne, die durch die Zypressen hindurch Muster auf die Straße malte, marschierte Cesare auf das Dorf zu. Irgendwann hörte er rasche Schritte hinter sich und beschleunigte sein Tempo. Doch es half nichts. Bald hatte ihn der Capitano eingeholt und hielt ihn an der Schulter fest.
»Also gut«, sagte Capobianco, ein wenig außer Atem. »Damit ist der kurze Ausflug beendet. Wir spazieren jetzt ganz gemütlich nach Hause.«
»Nein.« antwortete der Junge und schüttelte die Hände des Capitano ab, um seinen Weg fortzusetzen. Der Capitano zögerte einen Augenblick, bevor er neben dem Jungen herging.
»Hör zu Cesare. Du kannst nicht einfach so nach Florenz. Wie willst du dort überhaupt hinkommen? Wo willst du dort leben?«
»Du hast gesagt«, entgegnete Cesare, ohne auf die Fragen einzugehen »wenn ich alt genug wäre, würde ich allein nach ihr suchen. Ich bin jetzt alt genug.«
»Das ist korrekt, Cesare, aber du bist noch nicht alt genug. Herrgottnochmal du bist elf! Und du bist schulpflichtig. Ist dir bewusst, dass du gegen Gesetze verstößt, wenn du einfach so abhaust?«
Cesare blieb stehen und senkte den Kopf. »Schulpflichtig«, murmelte er. »Ich muss also zur Schule, ja?«
Capobianco nickte. »So sieht es aus.«
»Dann schreib mir eine Entschuldigung.«
»Den Teufel werde ich! Cesare, du kommst jetzt mit mir nach Hause! Du wirst jetzt gehorchen!«
»Nein, ich werde nicht gehorchen.«
In den Augen des Jungen spiegelten sich Wut und Furcht als er sich dem Capitano widersetzte. Eine Weile standen sie so auf der Straße und blickten sich schweigend in die Augen. Ein schwarzer Fiat schlingerte hupend um sie herum.
Capobianco nahm die Chance wahr und winkte dem Fahrer. Dieser hielt tatsächlich an und fuhr langsam zurück.
»Einsteigen!«, befahl Capobianco.
Cesare sah ein, dass er sich geschlagen geben musste. Missmutig folgte er seinem Ziehvater zu dem wartenden Auto.
Eine Weile schien es, als hätte Cesare eingesehen, dass es noch nicht an der Zeit für ihn war, nach Hinweisen zu seiner Mutter zu suchen. Jeden Morgen ging er brav zu Schule nach Nevicata und kehrte nachmittags zurück. Er hatte den Zeitraum zumindest so geschickt gewählt, dass Violettas Misstrauen einschlief. Ob er den Capitano bereits in Sicherheit wiegte, vermochte er nicht zu sagen, aber darauf wollte er nicht warten. Einige Wochen später kam er dann von der Schule nicht mehr nach Hause.
Als ob er ein Exempel statuieren wollte, entfesselte der Capitano mit Hilfe seines Einflusses die Staatsgewalt. Er zitierte den Chef der Carabinieri der Region zu sich und sorgte dafür, dass sämtliche Einsatzkräfte, auch der umliegenden Dörfer nach Cesare suchten. Was zu Folge hatte, dass der kleine Ausreißer noch am Abend mit viel Tamtam und Blaulicht ins Schloss zurück expediert wurde. Als Strafe folgte der längste Hausarrest in der Geschichte der Kindererziehung, die Beschlagnahmung aller seiner Zeichnungen, sämtlicher Landkarten und die Androhung von Fenstergittern. Cesare nahm dies alles stoisch auf sich und schwieg verbissen.
Doch seine Fluchtaktion hatte noch eine weitere Maßnahme zur Folge, von der niemand etwas wusste. Kurz nachdem die Carabinieri den verärgerten Racker zu Hause abgeliefert hatten, verschwand der Capitano im Keller des Hauses. Dort blieb er die ganze Nacht. Violetta, von Neugierde getrieben, wagte es, auf Zehenspitzen bis zum Fuß der Kellertreppe vorzudringen. Doch die ominösen Geräusche die sie hörte, die Schatten im Flackern ihres Kerzenlichtes und die Gefahr entdeckt zu werden, prüften ihren Mut für ihren Geschmack zu stark. Also rannte sie wieder nach oben, bekreuzigte sich mehrmals, und verlor niemals ein Wort darüber.
Wiederum einige Wochen später geschah, was geschehen musste. Cesare türmte mitten in der Nacht, indem er sich an einem aus Bettlaken zusammengeknüpften Seil von seinem Fenster in den Garten hinabließ. Auf leisen Sohlen schlich er über die frisch angelegten Kräuterbeete und durchmaß mit schnellem entschlossenem Schritt das kniehohe Gras, bis er am hinteren Zaun angelangt war. Er hatte eine Vollmondnacht gewählt, um gute Sicht zu haben, und er hatte gut gewählt. Nur wenige Wolken bedeckten den Erdtrabanten, der die Nacht mit bleichem bläulichem Licht erhellte. Nur noch unter den Oliven durch, und hinter diesen Hügel, dann hätte er es erstmal geschafft. Doch halt, was war das? Die Oliven ließen ihn nicht vorbei. Jedes Mal, wenn er sich unter den Zweigen hindurch ducken wollte, schien es, als würden sie seine Bewegung mitvollziehen, und ihn festhalten. Cesare nickte grimmig und murmelte etwas. Mit einer herrischen Bewegung strich er mit seinem rechten Arm durch die Luft. Das schien die Olive zu besänftigen, denn nun kam er problemlos vorbei. Die nächste Überraschung erwartete ihn, als er den Hügel erreichte. Er hatte erwartet, dass dahinter die Landschaft abfiel, hinunter zu den Ebenen, die bis nach Nevicata reichten. Doch als er auf der Hügelkuppe stand, war da noch ein Hügel, der dem ersten zum Verwechseln ähnelte. Ratlos blieb er stehen und fluchte leise. Dann schloss er die Augen, und ließ sich fallen. Wie ein Sack rollte er nun den Hügel hinunter, durch den zweiten Hügel hindurch, als gäbe es ihn nicht und landete in einem Zypressenhain. Dahinter war Nebel. Er nickte nur grimmig, wühlte in seinem Rucksack und kramte einen Kompass hervor. Er richtete ihn aus und ging in den Nebel. Eine gute halbe Stunde marschierte er so durch die geisterhafte Landschaft, die im Mondlicht zwar hell beschienen war, durch den schweren Dunst aber nichts von seinem Weg offenbarte. Bis er schließlich eine schwarze Silhouette gewahrte, die sich scharf vom Mondlicht abhob: der Capitano. Seufzend ließ er sich auf dem Boden nieder und wartete.
Es dauerte nicht lange, bis er da war. Wortlos setzte er sich neben ihn. Eine Weile sprachen sie kein Wort. Dann sagte Cesare:
»Na gut, du hast mich mal wieder erwischt. Was kommt als Nächstes? Willst du mich jetzt im Keller einsperren?«
»Nein.«
»Was willst du dann tun? Wie willst du mich hindern, das zu tun, was ich tun muss?«
«Warum bist du so versessen darauf?«
«Er hat gesagt, dass er dann verschwindet und mir sagt, wer ich bin.«
«Wer?« Der Capitano runzelte die Stirn? «Wer sagt dir das?«
«Der Schatten. Der Schatten an der Decke. Er kommt immer, wenn ich schlafe.«
«Ein Traum also, aha.«
Der Capitano starrte in den Nebel, der sich nun aufzulösen schien. Cesare sah, dass er schon recht nah an Nevicata herangekommen war. Die Umrisse des Bahnhofs waren am Horizont bereits zu sehen.
»Wie bist du durch die Barriere gekommen?«, fragte der Capitano ruhig.
Cesare lächelte. »Ach das war doch leicht. Du verwendest einen Illusionszauber. Der hilft nur bei einfachen Schulkindern. Man muss sich einfach sicher sein, dass man sich nicht irrt.«
Der Capitano sah auf seinen Adoptivsohn herab. Dann legte er in einer unerwarteten Laune seinen Arm um ihn.
»Warum ist es so wichtig, dass du die Geschichte deiner Mutter erfährst?«
»Weil es auch meine Geschichte ist. Da ist etwas Dunkles geschehen und ich muss es erfahren. Bevor es mich vielleicht irgendwann einholt.«
»Es wird dir vielleicht nicht gefallen, was du findest.«
»Es würde mir vielleicht noch weniger gefallen, wenn es mich findet«.
»Weise gesprochen, mein kleiner Cesare. Nun gut, ich habe gesagt, du kannst nach deiner Mutter suchen, wenn du alt genug bist.«
»Ja, ich weiß.« Cesare sah seinen Adoptivvater erwartungsvoll an. »Aber du meinst ja, ich wäre noch nicht alt genug.«
»Bis vor wenigen Tagen warst du das auch nicht. Aber jetzt bist du es.«
Damit stand er auf und klopfte sich den Staub vom Mantel.
»Pack deine Sachen, wir reisen morgen nach Florenz.«

