Leseprobe 4

3. Das Affengesicht

Für Cesare, den sein bisher kurzes Leben gerade mal von Castelpiano nach Nevicata geführt hatte, war eine Stadt wie Florenz gigantisch.

Allein der Bahnhof mit seinen keuchenden Dampfloks, Pizzabuden und Gleisanlagen raubte ihm den Atem. Und Cesare hatte sich nicht vorstellen können, dass es so viele Menschen gab. Er lauschte auf die samtweichen Frauenstimmen, deren geheimnisvolle Durchsagen von fernen Orten kündeten. Dazwischen schrillte das Kreischen rangierender Güterzüge und vermischte sich mit undefinierbarem Stimmenwirrwarr, zurückgeworfen von hohen Dächern aus blindem Glas und rostigem Stahl. Es roch nach Staub und Eisen.

Der Eindruck war nur kurz, denn der Capitano drängte ihn weiter, hinaus auf die Piazza Adua, wo sogleich eine Anzahl brandneuer Eindrücke über ihn hereinbrach. Jetzt roch es nach Benzin und Abgasen. Die Geräuschkulisse war ein gleichförmiges Brausen und Rauschen, durchsetzt vom lautem Hupen hektischer Fahrer. Cesare beschloss, sich auf weiteres nicht mehr beeindrucken zu lassen. Das war alles ganz normal. Er war jetzt in der Stadt.

Die beiden folgten der Via Valfonda und bogen dann rechts ab, in die noch verkehrsreichere Viale Filippo Strozzi. Vor Cesares Augen erhob sich ein beeindruckender, vieleckiger Bau, der noch nicht ganz fertiggestellt war. An einem Schaufenster blieben beide stehen. Dort war ein kleiner Holzkasten aufgebaut, dessen Durchmesser vielleicht eine Elle betrug. Der Kasten umschloss eine gewölbte Scheibe und auf dieser Scheibe war ein grauer Mann abgebildet, der zu Cesare zu sprechen schien, doch man konnte nichts hören. Ab und zu senkte der Mann seinen Blick auf einen Stapel Papier, der vor ihm auf einer Schreibtischoberfläche lag.

»Was ist das?«, fragte Cesare.

»Das ist Fernsehen«, erklärte Capobianco. »So etwas wie Radio, nur mit Bild.«

»Wenn es wie Radio ist, warum hören wir dann nichts? Oder ist es Radio für Taube?«

»Mumpitz! Wir hören nichts, weil die Scheibe dazwischen ist!«

»Ach so. Und was macht der Mann da drin?«

»Keine Ahnung. Ich höre genauso wenig.«

»Wahrscheinlich lernt er einen Text auswendig. Er guckt immer so komisch auf sein Blatt Papier. Ich mach das auch immer so.«

»Das wird es sein, Cesare. Er lernt irgendetwas auswendig.«

»Und warum macht er das in diesem Kasten? Wo alle zusehen können, wie er auswendig lernt?«

»Ich hab nur Spaß gemacht. Das ist ein Nachrichtensprecher. Er verliest Nachrichten.«

»Kaufst du uns so einen Fernseher?«

»Mal sehen. Komm jetzt, wir müssen weiter.«

Cesare ärgerte sich über diese knappe Antwort, denn er hätte gern noch gewusst, warum der Mann kein Gramm Farbe im Gesicht hatte, und überhaupt, was war ein Nachrichtensprecher? Er würde bei nächster Gelegenheit irgendwo nachschlagen.

Capobianco schleppte den Jungen in die Via Faenza und gleich wieder rechts in die Via Cennini. Ein Ortskundiger hätte bemerkt, dass der Capitano im Kreis gelaufen war. Er hätte von der Piazza Adua gleich in die Via Cennini einbiegen können, doch hatte er wohl Gründe, dies nicht zu tun.

Die Via Cennini stellte eine kleine Seitenverbindung zwischen den Alleen dar. Etwa in der Mitte der Straße befand sich auf der linken Seite ein schmaler Bau mit scharfem Giebel, über dessen gläserner Eingangstür ein Schild angebracht war:

ALBERGHO MEDICI und darunter stand in kleineren Buchstaben: S-U-N.

Ein Unkundiger hätte nur das englische Wort für Sonne gelesen und sich auch darüber schon gewundert. Der Capitano aber wusste, dass es Abkürzungen für Saturn, Uranus und Neptun waren. Darüber hätten sich Unkundige wohl noch mehr gewundert.

Sie betraten das Hotel. Das Foyer war düster und menschenleer. Eine feine Staubschicht lag auf den alten, klobigen Möbeln. In dunklen Nischen, die in die Holztäfelung eingelassen waren, befanden sich Statuetten, die menschliche Körper in seltsamen Verrenkungen darstellten. Cesare glaubte, leises Wispern zu hören.

Die einzige Lichtquelle schien die verglaste Eingangstür zu sein, denn alle Rollläden waren heruntergelassen. Alles wirkte alt und verlassen, die Sessel ausgesessen, die Teppiche ausgetreten. In den Nischen hingen Erinnerungen wie Spinnweben.

Gegenüber der Eingangstür führte eine breite Holztreppe nach oben. Rechts neben dem Treppenaufgang erstreckte sich eine Rezeptionstheke aus dunklem Holz mit messingbeschlagenen Kanten. Der Capitano trat an die Rezeption heran, stellte seinen Koffer ab und schnippte mit dem Fingernagel leicht an die Glocke, die neben einer vorzeitlichen Registrierkasse angebracht war. Es erklang ein blasses »Pling«.

Der Capitano schnupperte. Jetzt wurde auch Cesare der merkwürdige, schwere Geruch bewusst, der ihn entfernt an die Kirche in Nevicata erinnerte.

»Was riecht hier so komisch?«, fragte er.

»Staub, Räucherwerk, alte verblichene Knochen… was weiß ich«, erklärte Capobianco. Durch eine schmale Tür hinter der Rezeption trat ein Mann unbestimmbaren Alters. Sein Gesicht glich auf erschreckende Weise einem Affen: kleine Augen, die unter abnormen, stark bebrauten Wülsten hervorlugten, eine zu breite Nase und eine äffische Mundpartie.

»Ah«, sagte der Affenmann und neigte leicht den Kopf. Seine kleinen schwarzen Augen glänzten tückisch. »Hoher Besuch, welche Ehre.« Der Capitano deutete eine leichte Verbeugung an. Der seltsam aussehende Mensch, offensichtlich der Portier, erwiderte den Gruß.

»Warum hat der Mann ein Affengesicht?«, flüsterte Cesare.

»Hat er nicht immer gehabt«, antwortete Capobianco ebenso leise. »Er traf einmal einen anderen mit einem solchen Gesicht und stellte dummerweise die gleiche Frage.«

Der Junge schluckte hörbar und fuhr sich verstohlen mit der Hand über das Gesicht. Es war noch alles so wie es sein sollte. Er seufzte erleichtert.

Der Affengesichtige trat näher heran und beugte sich zu Cesare hinunter. Dieser wich vorsichtig einen Schritt zurück.

»Du kannst mich Gino nennen«, sagte der Portier. Er verzog sein verunstaltetes Gesicht zu einem grotesken Grinsen. Dann wandte er sich an Capobianco:

»Ein Doppelzimmer, Capitano?« Capobianco nickte. Gino nahm ein schweres Gästebuch, blies den Staub herunter und trug den Namen ein.

»Und wie heißt der Spross?«, fragte er dann.

»Cesare«, antwortete der Capitano.

»Cesare Capobianco also.«

Gino schickte sich an diesen Namen unter den des Capitano zu setzen.

»Nein!«, erwiderte Capobianco ungewöhnlich heftig. »Er heißt nicht Capobianco. Schreiben Sie einfach Cesare. Das genügt.«

Gino sah ihn ohne jede Verwunderung an und zuckte leicht mit den Schultern.

»Das genügt leider nicht. Bedaure.« Nach einer kurzen Pause fragte er: »Er ist doch ihr Sohn, oder nicht?«

»Mein Ziehsohn, aber sein Name ist nicht Capobianco.«

»Aber wie heiße ich denn?«, mischte sich der Junge in das Gespräch. Capobianco zögerte.

»Cesare Fleurissen«, sagte er dann widerwillig. »Schreiben Sie: Cesare Fleurissen, und schreiben Sie es richtig«.

Gino räusperte sich und buchstabierte richtig. Danach griff er einen Schlüssel vom Schlüsselbrett hinter sich. Es war der einzige Schlüssel, der dort hing.

»Nummer 23«, sagte er. Capobianco nahm den Schlüssel und hob den Koffer an. Dann nickte er Cesare zu und ging die Treppe hinauf, ohne Gino noch einmal anzusehen.

ooOoo

Kaum waren Cesare und Capobianco aus dessen Blickfeld verschwunden, holte Gino ein schwarzes Telefon unter der Theke hervor und wählte hastig eine Nummer.

»Capobianco ist hier«, sagte er gepresst und behielt ängstlich den Treppenaufgang im Auge. »Er hat ein Kind bei sich. Einen Jungen. Er nannte ihn Fleurissen.«

Sein Gesprächspartner musste etwas für Gino unangenehmes erwidert haben, denn dieser runzelte die Stirn.

»Was soll ich tun?«, fragte er. Und dann: »Nur beobachten? Soll ich nicht…?« Offensichtlich wurde das Telefonat unterbrochen, denn Gino legte verärgert den Hörer auf.

ooOoo

Den Nachmittag verbrachten sie im Hotel, während der Capitano über Stadtplänen brütete und zuweilen Bestellungen aufgab. Diese enthielten außer den Üblichkeiten wie Espresso, Kuchen, Aperitive, auch Merkwürdigkeiten wie eine Karte des Kanalisationsnetzes von Florenz oder ein Stichwortverzeichnis aller florentinischen Sehenswürdigkeiten in bengalischer Sprache.

Gino, der Affengesichtige, der die Bestellungen auszuführen hatte, tat dies stets mit sichtbarem Widerwillen. Cesare hatte das Gefühl, dass irgendein für Gino unangenehmes Ereignis ihrer Bekanntschaft zugrunde liegen musste, verkniff sich aber eine Frage, da dies dem Capitano nur eine weitere Gelegenheit geboten hätte, geheimnisvoll zu schweigen.

Cesare vertrieb sich die Zeit mit dem Anfertigen von Portraits, die alle entweder den Capitano, Violetta, Gino oder in vielfältigen Variationen seine Mutter Lisa darstellten. Zuweilen hing er über dem Fensterbrett und spuckte auf die Leute hinunter, die auf der Straße an dem Hotel vorbeigingen. Sie schauten meist verdutzt nach oben aber nicht einer schimpfte auf ihn, was ihn doch etwas verwunderte.

»Wann gehen wir Lisa suchen?«, fragte er nun zum wohl dreißigsten Male.

»Morgen früh fangen wir an«, war die immergleiche Antwort.

Nach dem Abendessen in einem Restaurant, dessen altertümlicher Luxus mit seinen stoffbespannten Wänden, silbernen Kandelabern und Tischtüchern aus champagnerfarbenem Damast ehrwürdigen Museumscharakter verbreitete, legte Capobianco seine Serviette neben das Silber und sah den Jungen an.

»Also, Cesare, wir sind auf Deinen Wunsch nach Florenz gefahren, um etwas über Deine Mutter herauszubekommen. Im Moment sitzen wir in einem guten Restaurant und sind keinen Schritt weiter. Was gedenkst Du zu tun?«

Cesare sah ihn verblüfft an.

»Aber, du hast doch gesagt, wir suchen nach ihr«, sagte er hilflos. Capobianco stützte die Ellbogen auf den Tisch und faltete die Hände.

»Sicher. Ich habe dir versprochen dich zu begleiten. Aber ich finde, du solltest schon ein paar Ideen dazu beisteuern, wie wir das anstellen.«

Cesare wusste nichts über Einwohnermeldeämter, über Kirchenchroniken und die Möglichkeit die Carabinieri zu befragen. Und Capobianco war offensichtlich nicht gewillt, ihn auf diese Möglichkeiten hinzuweisen.

»Wir fragen jemand, der sie kennt«, sagte er schlicht.

»Und wer sollte das sein?« Cesare zuckte die Achseln.

»Jemand der alles weiß.«

»Hm«, sinnierte der Capitano. »Jemand, der alles weiß, eh? Und an wen denkst Du da?«

Betrübt Cesare senkte den Blick.

»Ich kenne überhaupt niemanden in dieser Stadt.«

»Zumindest erinnerst du dich an keinen. Unsere Erinnerung ist aber oft nur nicht präsent, obwohl sie eigentlich da ist.«

»Wie meinst du das?«

»Was ist das früheste, woran du dich erinnerst, Cesare?«

Der Junge dachte angestrengt nach.

»An… Castelpiano. Das Waisenhaus. Signora Gaspari und… Sharah.« Den letzten Namen flüsterte er mehr, als dass er ihn laut aussprach. Der Capitano ignorierte die Sentimentalität in Cesares Stimme und forschte weiter.

»Und davor? Vor dem Waisenhaus? Was war da?«

Cesare biss sich auf die Lippen, so angestrengt dachte er jetzt nach.

»Ich weiß nicht… es war heiß…ich habe Durst…es ist dunkel, ruckelig…«

»Du hast also noch Erinnerungen an die Reise auf dem Pferdewagen, gut. Und davor? Noch weiter zurück?«

Cesare schüttelte mutlos den Kopf. »Nichts. Da ist nichts. Ich kann mich nicht erinnern.«

»Siehst du, das ist es, was ich meine. Aber du wirst dich erinnern. Zwar nicht jetzt und hier, aber früher oder später. Die Erinnerungen sind da, sie müssen nur hervorgeholt werden.«

»Und wie mache ich das?«

Der Capitano lächelte. »Nun, da gibt es einige Möglichkeiten. Psychiater versuchen das mit Hypnose. Andere wiederum setzen bestimmte Substanzen ein. Drogen. Wir aber haben andere Möglichkeiten.«

»Welche?«

»Cesare, was weißt du über die geheime Welt?«

Diese Frage kam so unvermittelt, dass Cesare husten musste. Seine Augen weiteten sich und er starrte den Capitano an.

»Die geheime Welt?«

Capobianco hob beschwichtigend die Hand. »Das klingt jetzt spannender, als es ist! Überall existieren geheime Welten. Die Welt der Ameisen zum Beispiel, kaum ein Mensch versteht sie. Die Welt im Inneren eines Atoms, und die seltsamen Kräfte, die es zusammenhalten. Und die vielen Rätsel des Kosmos. All das sind geheime Welten. Einige davon sind uns zugänglich, andere nicht. Einige passen zusammen, andere nicht. Die geheime Welt, von der ich rede, ist die Sphäre der Magie – von vielen missverstanden, zumeist völlig überbewertet und von manchen missbraucht. Leider gibt es sie – doch für uns ist das jetzt von Vorteil.«

»Das klingt, als wäre Magie etwas Schlimmes.«

»Ja, durchaus. Jedenfalls kann sie das sein.«

»Aber du hast mich doch verhext. Als ich abhauen wollte. Also missbrauchst du sie, nicht wahr?«

Capobianco blickte peinlich berührt auf seine zerknüllte Serviette.

»Das ist … leider wahr.«

»Der zweite Hügel, den ich gesehen habe. Der war aus der geheimen Welt?«

Capobianco nickte. »Korrekt. Da du aber ein natürliches Talent hast, die geheime Welt zu sehen, hast du den Hügel ganz richtig als Trugbild erkannt. Außerdem hast du ja schon viel gelernt. Heimlich, in der Bibliothek.«

Cesare lächelte. »Ja, die Bibliothek. Ich hab die Worte gelernt.«

»Genau. Die Worte, welche dir Zugang zur geheimen Welt verschaffen.«

»Ach, das ist die geheime Welt?«

»Unter anderem, ja.«

»Und wie kann ich nun die geheime Welt benutzen, um etwas über Lisa herauszufinden?«

»Über die Marcem, die du selbst gesetzt hast.«

»Ich habe Marcem gesetzt?« Cesares Augen weiteten sich.

»Ja. Das hast du. Und einen solchen Marcam suchen wir jetzt.«

Er legte einen Stapel Lire auf das Tablett mit der Rechnung und stand auf. Cesare zog sich seinen Anorak an und folgte dem Adoptivvater nach draußen.

»Und wohin gehen wir?« Capobianco blieb stehen.

»Wir suchen nach einem Faszinosum. Also irgendetwas, das dich fesselt. Wenn wir Glück haben, verbirgt sich ein Marcam dahinter. Ein guter Ort für faszinierende Dinge ist die Ponte Vecchio.«

ooOoo

Die Ponte Vecchio ist eine rundum mit Häusern bebaute Brücke über den Arno. Sie ähnelt, befindet man sich erst einmal dort, eher einer belebten Geschäftsstraße. Lediglich kleine Nischen zwischen den Häusern gestatten einen Blick auf den Fluss. Nachts ist vom Arno natürlich nicht viel zu sehen.

Cesare trieb im Strom der Menschen. In den freien Ecken und Nischen boten Künstler ihre Werke an; allesamt entweder die Brücke, die Uffizien oder eine wohl nur dem jeweiligen Künstler bekannte weibliche Schönheit darstellend. Aber auch die Porträtisten und Karikaturisten fehlten nicht, Scherenschneider und Liederschreiber, Auftragsdichter und Würfelspieler, Komödianten und Musikanten; Cesare zuckte zusammen, als plötzlich ein dicker Mann neben ihm loswetterte. Offensichtlich hatte ein Jüngling ihn angerempelt. Ein hübsches Mädchen trat dazwischen und redete besänftigend auf den Dicken ein. Und dann sah Cesare etwas Merkwürdiges: er sah einen hageren jungen Mann mit unrasiertem Kinn scheinbar unbeteiligt an den Dreien vorüber schlendern. Und gerade als er den Dicken passierte, verschwand seine Hand wie beiläufig in dessen Jackentasche. Als sie wieder auftauchte, hielt sie eine Brieftasche umklammert. Schnell war der Hagere entschwunden.

Cesare zupfte Capobianco am Ärmel und deutete auf den Dicken.

»Da war einer, der hat ihn beklaut, schau doch mal.«

»Ja«, sagte der Capitano. »Willst Du Räuber und Gendarm spielen? Immerhin, deine Beobachtungsgabe ist herausragend.«

Cesare schwieg verwirrt und beobachtete den jungen Mann, der den Dicken angerempelt hatte. Minuten später sah er ihn auf einer Bank sitzen, einträchtig mit dem Hageren und dem Mädchen, ins Teilen der Beute vertieft. Cesare war beeindruckt.

Dann hatte er den Zauberer entdeckt: vor einem wohlwollenden Publikum vollführte er bemerkenswerte Kunststücke.

Der dunkel gekleidete Trickkünstler hatte einen dreiteiligen Paravent aufgebaut; eine leichtbekleidete, schlanke junge Dame assistierte ihm.

Soeben war er dabei, aus seinem schwarz glänzenden Zylinder eine Flut von Seidentüchern hervorzuzaubern. Und jetzt schwenkte er den Hut ein paarmal durch die Luft und dieser verwandelte sich doch tatsächlich in eine lederne Damenhandtasche. Galant überreichte er sie einer verwundert dreinschauenden, älteren Dame mit den Worten: »Das ist wohl Ihre, Signora. Sie sollten besser auf Ihr Eigentum achtgeben, jedoch meine Karo zehn«, hier griff er in die Tasche der Dame hinein und zog eine Karo zehn daraus hervor, »die darf ich doch behalten, nicht wahr?«

Die Menge klatschte. Ein Zuschauer erklärte dem Capitano, dass jene Karo zehn zuvor aus des Zauberers Kartenspiel verschwunden war.

»Ein Trick mit Verzögerungseffekt also«, sagte der Capitano. Es klang nicht sonderlich beeindruckt. Cesare jedoch, war begeistert.

Das Publikum quittierte die Sensation reichlich mit Geldstücken, die die spärlich bekleidete Assistentin mit einem goldenen Hut einsammelte, auf dem in verblassenden roten Lettern »Hugo d’Alba e Teresa Lopresti – Il Duo Fabuloso!«, geschrieben stand. Der Maestro verlangte jetzt nach einem Partner aus dem Publikum und blickte suchend umher. Niemanden schien es ins Rampenlicht zu ziehen. Bis auf Cesare. Ehe der Capitano ihn zurückhalten konnte, war der Junge einen Schritt nach vorn getreten. Der Maestro begrüßte ihn erfreut. Man konnte ihm ansehen, dass er ein leichtes Opfer witterte.

Der große Zauberer zog ein Kartenspiel hervor und hieß den Kleinen eine Karte herausnehmen. Cesare zog die Karo Zehn. Der Zauberer forderte ihn auf, sich die Karte in die Hosentasche zu stecken. Cesare tat, wie ihm geheißen und der Maestro mischte erneut die Karten. Mit einer triumphierenden Geste zog er die Karo zehn aus dem Stapel und forderte Cesare auf, nach der Karte in seiner Hosentasche zu suchen. Sie war nicht mehr dort. Wieder tobte die Menge. Cesare griff in die andere Hosentasche und holte die Karo zehn hervor. Er hielt sie in die Höhe um sie der verblüfften Menge zu zeigen, die bald in lautes Gelächter ausbrach.

Der Magier schaute Cesare mit bohrendem Blick in die blauen, unschuldigen Augen. Die Menge brüllte vor Belustigung. Der Zauberkünstler bemühte sich, mitzulachen, was ihm jedoch nicht ganz überzeugend gelang. Schnell schob er den Jungen in die Menge zurück und rief nach neuen Opfern. Der Capitano nahm Cesare bei der Hand und zog ihn weg von den Leuten.

Manch einer klopfte dem Jungen freundlich auf die Schulter und lachte ihm vergnügt zu; diesem Scharlatan habe er es ganz schön gegeben.

»Cesare, das war ungehörig von dir und vor allem überhaupt nicht nett«, sagte Capobianco, als sie auf der breiten Brüstung saßen. »Schließlich übt der Mann einen Beruf aus, er lebt davon, verstehst du? Dein kleiner Trick kostet ihn vielleicht seinen Ruf.«

»Ich kann’s nicht leiden, wenn mich einer für blöd hält. Aber trotzdem: ich möchte Zauberer werden. Ich will auch so schöne Kunststücke machen und Beifall haben.« Der Capitano lachte kurz und grimmig auf.

»Sei nicht ungeduldig, kleiner Cesare. Zauberei ist Blendwerk, das gilt für jede Art von Zauberei. Und für solchen Budenzauber erst recht. Du wirst deinen Weg schon finden.«

Cesare schüttelte heftig den Kopf.

»Nein. Nein. Ich will solchen Budenzauber machen. Weißt du, das mit der Karte eben, das war getrickst. Ich hab sie wirklich in meine andere Hosentasche geschmuggelt, ehrlich, als er die andere Karo Zehn in das Spiel geschoben hat. Es war nämlich die Zehn aus der Handtasche. Ich will sowas lernen!«

Der Capitano antwortete nicht. Cesare blickte wieder zu dem Zauberer hinüber, der nun damit beschäftigt war, seine Zelte abzubrechen.

»Vielleicht weiß der ja etwas über Lisa!«, rief Cesare plötzlich und rannte zu dem Zauberer hinüber. Capobianco seufzte und folgte ihm.

»Guten Abend Signor Alba«, sagte Cesare höflich. »Sind Sie ein richtiger Zauberer?«

»Das will ich meinen!« Der Magier sortierte eine Reihe von Theatermessern auf seinem Klapptisch. »Und normalerweise bin ich nicht so nachsichtig, wenn so freche Racker wie Du es einer bist, mir ins Handwerk pfuschen wollen!«

»Mach keine Witze!«, rief da die junge Dame und kam hinter dem Paravent hervor. Sie trug jetzt einen Faltenrock, statt des einteiligen Badeanzugs und ihre kosmetische Schönheit hatte beträchtlich nachgelassen.

»Dieser junge Racker, wie Du ihn bezeichnest, hat in seinem kleinen Finger mehr Talent, als Du in deinem ganzen versoffenen Schädel!« Sie trat näher und legte Cesare die Hand auf die Schulter.

»Das hast du ganz prima hingekriegt, Kleiner. Wie heißt Du denn?« Sie roch stark nach Parfüm und ihr Geruch kitzelte ihn in der Nase. Der Junge musste sich ein Niesen verkneifen, als er sagte:

»Ich heiße Cesare. Und ich suche jemanden.« Er griff in seine Hosentasche und zog eines der Bilder hervor, die er von Lisa gemalt hatte. Es war reichlich zerknüllt. Er gab der Assistentin das Bild. Diese faltete es auseinander und betrachtete es.

»Nein, die kenne ich nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Hast du das gemalt?« Cesare nickte.

»Und du bist ganz allein hier auf der Brücke?«

»Nein – das ist er nicht.« Capobianco, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, trat einen Schritt vor.

»Aha.« Die junge Frau betrachtete ihn kritisch. Dann sagte sie: »Und Sie sind sicher, dass nicht Sie es sind, der den Jungen nach dieser Frau suchen lässt?« Capobianco nickte.

»Da bin ich ganz sicher. Der Junge sucht. Ich«, er warf einen Seitenblick auf den Zauberer, »passe nur auf, dass er nicht unter die Räuber kommt.«

»Das ist natürlich sehr nett von Ihnen.« Die Assistentin beugte sich zu Cesare hinunter. »Ich kann dir vielleicht weiterhelfen, Kleiner. Es ist nicht viel, was ich tun kann, aber vielleicht ist es nützlich.«

Sie griff nach einem Bleistift, der auf dem Tisch lag, kritzelte etwas auf das Bild und gab es Cesare zurück.

»Ich habe dir eine Adresse aufgeschrieben. Geh ins oberste Stockwerk dieses Hauses.« Der Zauberer, der ihr beim Schreiben über die Schulter gesehen hatte, lachte verächtlich auf.

»Was? Du willst ihn zu dieser alten Hexe schicken? Zu dieser Vettel, mit ihrem Mummenschanz? Dass ich nicht lache!« Er trug die sortierten Messer zu einem Wägelchen hinüber.

»Deshalb bringst Du es ja auch nie zu was, du Taschenspieler!«, keifte die Frau ihn an. »Weil Du von Zauberei keine Ahnung hast. Du glaubst nicht mal an das, was du selber tust!«

»Ach sei doch still!«, schrie der Zauberer zurück. »Lass mich mit deinem mystischen Geschwafel in Ruh! Was ich mache, das ist reine Physik und hat mit deinem Hokuspokus nichts zu tun!«

»Komm«, sagte Capobianco leise und berührte den Jungen am Arm. »Wir gehen. Ich schätze, du hast deinen ersten Hinweis.«