«Das Kind betrachtet die Welt mit dem Ernst eines Gottes, der noch nicht weiß, dass er sie erschaffen hat, und in jedem Stein sieht es das Antlitz einer Ewigkeit.«
— Riccardo Bacchelli
1. Der Capitano
In Signora Gaspari heulte eine Sirene. Niemand außer ihr konnte sie hören, aber in ihrem Kopf schrillte sie unablässig, seit der Mann ihr Büro betreten hatte. Es war eine Sirene, die Veränderung schrie, und zwar Veränderung, die sie nicht wollte.
Der Grund für dieses Gefühl saß vor ihr, auf einem Hocker. Der Hocker war niedrig und sollte damit Signora Gaspari die Möglichkeit geben, über ihren Schreibtisch hinweg auf ihren Gesprächspartner herabblicken zu können. Hier half ihr das aber nichts, denn der Mann war ein Sitzriese, dunkelhaarig wie die meisten Italiener, hohlwangig wie so viele in dieser Zeit. Seine Augen hatten den melancholischen und zugleich scharfen Ausdruck, der ihr den Sanguiniker verriet. Irgendetwas an ihm gefiel ihr einfach nicht. Er sah zu gut aus, zu elegant und viel zu … furchtlos. Das war man in diesen Zeiten, kurz nach Kriegsende, einfach nicht gewohnt. Ach, sie hätte gar nicht sagen können, was ihr an dem Mann nicht gefiel. Es war eher das Gegenteil von etwas Sichtbarem: als hätte er die Luft im Zimmer ein wenig verschoben, als hätte er einen Schritt zu weit in ihr Büro gesetzt, ohne es zu merken.
Sie spielte nervös mit ihrem silbernen Brieföffner. Dann ließ sie ihn fallen und griff nach einem Bleistift aus deutsch-ostafrikanischem Zedernholz – eine Hinterlassenschaft aus den Beständen der abziehenden Wehrmacht – und kritzelte etwas auf die Besucherkarte.
»Sie wollen also ein Kind adoptieren, Signor …«, sie sah noch mal auf das vergilbte Papier, »… Capobianco.«
»So ist es«, bestätigte der Mann. Er räusperte sich kurz, trocken, wie ein Automatismus. Signora Gaspari erkannte darin nichts Krankhaftes, eher eine Angewohnheit: ein Griff nach Präsenz. Und genau das missfiel ihr.
Signora Gaspari, die Leiterin des Waisenhauses von Castelpiano, fühlte sich normalerweise jeder Situation gewachsen. Die Erscheinung dieses Mannes jedoch, verwirrte sie. Dabei war sie es nicht gewohnt, verwirrt zu werden. Und es gefiel ihr gar nicht, diesem Mann einen ihrer Schützlinge zu überantworten.
»Und sie leben allein?«
Er nickte. »Spielt das eine Rolle?«
Die Signora antwortete nicht. Sie hielt nichts von alleinstehenden Männern mit Kindern. Kinder brauchten eine Mutter. Aber ihre Meinung war nicht von Belang.
»Was sind Sie denn von Beruf?«
Die Überflüssigkeit dieses Frage- und Antwortspiels war ihr bewusst. Der Mann hatte Geld, dieser Umstand genügte der Kommission. Den Zweiten Weltkrieg hatte man gerade überstanden, und es wimmelte von Obdach- und elternlosen Kindern. Man konnte es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Irgendwann würde sich das alles wieder ändern, aber im Augenblick waren die Bedingungen für Adoptionen nicht sonderlich kompliziert. Vielleicht, so dachte sie in einem Anflug von Bosheit, kann ich ihm diesen dreisten Giorgio unterjubeln, diesen Racker, der mir gestern Holzleim in die Pantinen gekippt hat.
»Ich habe keinen Beruf, ich habe Vermögen«, antwortete Capobianco. » Und ich reise von Waisenhaus zu Waisenhaus, solange bis ich einen Jungen gefunden habe, der mir gefällt.«
»Das klingt, als würden Sie einen ganz bestimmten Jungen suchen?«
»Schon möglich.«
»Ihr Sohn?«
»Nicht zwingend.«
»Aha. Wie haben sie ihn verloren?«
»Der Krieg.«
Für einen Augenblick empfand sie einen Anflug von Mitleid. Ja, der Krieg. Der hatte viele Hoffnungen zunichte gemacht, Familien zerrissen und Perspektiven zerstört. Davon waren selbst reiche Männer aus der Provinz nicht gefeit. Für einen Moment war sie ungehalten auf sich selbst. Was wusste sie schon über diesen Mann? Wie konnte sie davon ausgehen, dass er nicht auch Schreckliches durchgemacht hatte, wie so viele andere? Sie stand auf und blickte den Besucher direkt an.
»Bitte begleiten Sie mich auf den Hof.«
Der Mann folgte ihr durch einen langen, schmucklosen Gang. Rechts führten mehrere Türen in einen Schlafsaal, der jetzt leer war. Die Schritte der beiden klangen hohl auf dem Fußboden. Ein leichter Uringeruch hing in der Luft, durchsetzt vom Salmiakdunst scharfer Desinfektionsmittel. Doch Signora Gaspari nahm das alles schon gar nicht mehr wahr.
Die Treppe, die auf den Innenhof führte, war feucht, denn Desdemona, eine junge Frau mit groben Händen und blutleeren Lippen war damit beschäftigt, sie aufzuwischen. Signora Gaspari sah ihren Besucher von der Seite an. Dazu musste sie den Kopf ebenfalls nach oben drehen, was ihr schon wieder missfiel. Der Mann kniff kurz die Augen zusammen, als er in die Sonne hinaustrat. Dann glitt sein Blick erkundend über die Szene, die sich ihm bot. Signora Gaspari tat es ihm gleich, als hätte sie den Hof noch nie zuvor gesehen. Sie hatte irgendwo gelesen, dass Nachahmung Gemeinsamkeiten schaffen würde. Als könnte sie ihn damit milde stimmen. Warum wollte sie diesen Mann überhaupt milde stimmen? Sie wusste es nicht. Vielleicht, weil die Alarmsirene in ihrem Kopf immer noch keine Ruhe gab.
Es gab einen großen Sandkasten, in dem Kinder spielten; daneben eine zertrampelte Rasenfläche, auf der als einziges Spielgerät eine Schaukel aufgebaut war, die ständig von Kindern umlagert war.
»Wo haben Sie die her?«, fragte Capobianco und deutete auf das quietschende Gerät. »Aus dem Museum?«
»Ein Geschenk der kommunistischen Partei«, erwiderte die Waisenhausvorsteherin.
»Und was sagt der Pfarrer dazu?«
»Den Kindern ist’s gleich, ob die Schaukel rot oder schwarz ist. Die Farbe blättert sowieso schon ab.«
Capobianco nickte bedächtig, als sei dies eine weise Bemerkung gewesen, und setzte sich auf die niedrige Steinbank neben der Eingangstreppe. Er lehnte sich an die Backsteinmauer und schloss halb die Augen.
»Würden Sie die Freundlichkeit haben«, er räusperte sich, »und mich für eine kurze Weile allein lassen, Signora Gaspari?«
Die Frage kam weder in unfreundlichem Ton, noch drückte sie ein ungewöhnliches Verlangen aus, trotzdem brachte sie Signora Gaspari fast auf die Palme.
»Ist gut. Wenn sie ein Kind nach ihrem Geschmack gefunden haben, dann sagen Sie mir Bescheid, damit ich’s Ihnen einpacken kann.«
Mit dieser ätzenden Bemerkung drehte sie sich auf dem Absatz um, erklomm die Stufen ins Hauptgebäude und marschierte mit ihren klappernden Holzschuhen durch den Gang zurück. Kurz vor ihrer Bürotür machte sie halt und überlegte. Warum reagierte sie so? Es war doch nicht das erste Mal, dass Ehepaare kamen, um Kinder zu adoptieren. Und das war stets ein Grund zur Freude, denn welches Kind wollte schon gern seine Kindheit und Jugend in einem Waisenhaus verbringen? Signora Gaspari streckte die Arme aus und lehnte sich gegen die Wand, schwer atmend. Sie dachte fieberhaft nach: Was störte sie an dem Mann? Sein Geld? Nein. Seine Eleganz? Warum denn? Dass er alleinstehend war? Nicht in diesen Zeiten.
Bis sie die Erkenntnis wie ein Blitzschlag traf: Der Ausdruck in seinen Augen, diese schläfrige Sicherheit, diese völlige, in sich ruhende Furchtlosigkeit, erinnerten sie an… Cesare. Cesare Fleurissen. Den Jungen, den sie auf keinen Fall gehen lassen wollte.
Die Sirene in ihrem Kopf gab endlich Ruhe. Nun kannte sie die Gefahr. Nur – was sollte sie dagegen unternehmen? Wenn dieser Mann Cesare adoptieren wollte, hätte sie schon eine Flut von Ausflüchten finden müssen, um das zu verhindern. Sie konnte der Kommission schlecht sagen, dass ihr die Augen des Mannes nicht gefielen. Und ehrlich zuzugeben, wie es um sie stand, nämlich dass sie Cesare am liebsten niemandem überlassen würde, konnte sie ebenfalls nicht zugeben. Denn dies hätte man als höchst unprofessionell erachtet, und ihre Stellung zur Disposition gestellt. Warum hatte sie ihn nicht selbst adoptiert, als es noch möglich gewesen wäre? Aus den gleichen Gründen: Es hätte unprofessionell gewirkt. Aber es wäre ihr auch nie in den Sinn gekommen, dass sich jemand ernsthaft für Cesare interessieren könnte. Bis heute.
Ich muss ihn fernhalten, schoss es ihr durch den Kopf. Ihn einfach verstecken, irgendwo, wo dieser Mann nicht hinkommt.
Das klang nach einem Plan. Jetzt musste sie den Jungen nur noch finden. Sie musste nicht lange suchen, denn einige spitze Schreie, die nur aus dem Mund der kleinen Sharah kommen konnten, führten sie in den Schlafraum für Kinder unter zehn. Cesare und Sharah sassen auf einem Bett und spielten Fingerklatschen. Die Signora beobachtete sie erst eine Weile durch die Tür, bevor sie den Raum betrat. Cesare und Sharah hatten beide die Finger ausgestreckt in Brusthöhe. Cesare war wohl dran, denn er patschte Sharah blitzartig auf die Finger. »Autsch!«, schrie die Ältere von beiden, hielt aber tapfer die Finger wieder hin. Wieder schlug Cesare zu und erwischte sie mühelos. Dann liess er die Hände sinken. »Du bist dran«, sagte er leise.
»Aber du hast mich erwischt!«, widersprach Sharah.
»Nur ganz leicht mit den Spitzen, das zählt nicht«, erwiderte der Junge.
»Na gut«. Sie hielten wieder die Hände in Brusthöhe. Sharah schlug zu. Und verfehlte ihn, denn er wich mit traumhafter Sicherheit aus.
»Du bist noch dran«, sagte er. »Du hast mich ganz leicht erwischt.«
»Aber eben hast du gesagt, das zählt nicht«, widersprach das Mädchen.
»Bei dir zählt es.«
»Das ist unfair, los hau mir auf die Hand!«
Bevor Sharah blaue Finger bekam, schritt die Signora ein. »Kommt ihr Beiden, wir helfen Violetta in der Waschküche, was haltet ihr davon?«
»Au ja«, rief der blonde Junge. »Können wir dann wieder Wäscheraten spielen?«
Die Signora lächelte. »Ja, das können wir. Kommt.« Sie streckte die Hände aus und beide Kinder ergriffen je eine davon. Die Waschküche war ein guter Ort. Dort würde der Fremde sicher nicht hingehen, denn es handelte sich um einen Bereich, der nur dem Personal vorbehalten war. Sie ging einfach davon aus, dass er diesen Umstand respektieren würde. Hoffentlich.
Capobianco saß lange auf der Bank und schien der Vielzahl an Geräuschen zu lauschen, die den Hof erfüllten: dem Kinderlärm, dem hölzernen Klappern der Waschmaschine, dem Scheuern der Stahlbürste auf der Treppe. Doch das täuschte. Er wusste, dass die Signora etwas vor ihm verbarg.
Er öffnete die Augen und blickte die Frau an, die auf den Fliesen herum schrubbte. Sie hielt kurz inne und erwiderte den Blick. Capobianco gewahrte den schläfrigen Ausdruck einer Schwachsinnigen. Er wischte sich über die Stirn, als wollte er eine Erinnerung vertreiben, und stand auf.
Das Gelände des Waisenhauses war übersichtlich. Es gab ein Hauptgebäude, in welchem die Schlafsäle sowie das Büro untergebracht waren. Dann einige Nebengebäude, eines für die Küche und den angrenzenden Speisesaal und dann noch ein kleinerer windschiefer Flachbau, der wohl erst kürzlich errichtet worden war. Einige Zementsäcke, eine Leiter und ein Eimer mit Verputzwerkzeugen standen noch neben der Eingangstür. Zwischen den beiden Nebengebäuden spannten sich Wäscheleinen, an denen diverse bunte Kleidungsstücke im Wind flatterten. Ein altes Weiblein war emsig damit beschäftigt, weitere Wäsche aufzuhängen, während ihr ein kleines bezopftes Mädchen geduldig dabei half, indem sie ihr die Wäscheklammern reichte. Dieses Bild war so friedlich und idyllisch, dass er eine Weile nur so dastand und den Eindruck in sich aufsog. Er machte unwillkürlich ein paar Schritte auf sie zu, als er einen kleinen spitzen Schrei aus dem Flachbau hörte. Es klang nach einem kindlichen Entzückensschrei, nicht bedenklich oder gar bedrohlich. Da drin hatten offenbar ein paar Kinder Spass – Grund genug für ihn, seine Schritte dorthin zu lenken. Das Klappern der Waschmaschine wurde lauter.
Er erreichte die Waschküche und sah durchs Fenster hinein. Die Scheiben waren von innen leicht beschlagen und von außen fleckig, trotzdem konnte er gut erkennen, was im Inneren vor sich ging. Das Fenster war gekippt, so dass er auch recht gut hören konnte, was gesprochen wurde.
Eine hochgewachsene Frau war damit beschäftigt, die hölzerne Trommel mit einer Kurbel zu drehen, was eben jene Klackergeräusche hervorrief. Eine andere Frau sortierte Wäschestücke, während Signora Gaspari mit einem blonden Jungen und einem dunkelhaarigen Mädchen ein eher seltsam anmutendes Spiel zu spielen schien. Der Junge mochte fünf bis sechs Jahre alt sein und das Mädchen war vielleicht ein wenig älter. Dem Jungen waren die Augen verbunden. Die Signora und das Mädchen hielten abwechselnd Wäschestücke hoch. Jetzt deutete der Kleine mit dem Zeigefinger auf das Wäschestück, welches die Signora ihm entgegenhielt:
»Blau. Das ist der Valeria ihr Kleid.«
»Cesare weiß alles! Cesare weiß alles!«
Das Mädchen tanzte im Raum herum und klatschte in die Hände.
»Sei still Sharah«, zischte die Signora. Dabei blickte sie ängstlich zur Tür. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder den Kindern zu.
Der Junge deutete auf das andere Wäschestück in Sharahs Händen:
»Gelb. Das gehört der kleinen Sharah.«
»Sharah ist gar nicht klein!«, rief das Mädchen. »Sharah ist viel älter wie du!«
Capobianco trat vom Fenster zurück und schloss kurz die Augen. Er fühlte sein Herz schneller schlagen. Sollte er das wirklich sein? Nach all den Jahren der Suche?
Wieder blickte er durch das Fenster. Offenbar hatte man ihn noch nicht bemerkt. Das Spiel ging weiter. Stets erriet der Junge mit traumwandlerischer Sicherheit, wem die Kleidungsstücke gehörten. Vieles davon konnten Zufallstreffer sein. Der geschulte Verstand Capobiancos wusste, dass eine Quote von 30 Prozent normal war, eine von 50 schon mehr als ungewöhnlich. 70% wäre phänomenal und würde jeden Parapsychologen in Entzücken versetzen. Aber 100 Prozent? Das konnte nur eines bedeuten.
Capobianco trat ein. Die Signora erstarrte.
Der Junge nahm die Augenbinde vom Kopf und sah den Fremden an, der ihn stumm fixierte.
»Du erkennst die Wäsche, obwohl du eine Binde trägst?«, fragte Capobianco, nicht unfreundlich, sondern interessiert.
Der Kleine nickte. Jetzt lächelte der Mann, als hätte er ein verlegtes Schmuckstück wiedergefunden.
Die Signora riss sich aus ihrer Starre, stand auf und nahm die Kinder an der Hand. Sie drängte sich an Capobianco vorbei, die beiden Kinder hinter sich herziehend. An der Tür blieb sie stehen.
»Wenn Sie ein Kind gefunden haben, dann melden Sie sich bitte in meinem Büro. Ansonsten wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich auf die für Besucher vorbehaltenen Räume beschränken würden!«
Cesare, immer noch die Augenbinde in der Hand, reichte diese dem Fremden.
»Da«, sagte er freundlich, aber ohne ein Lächeln.
Capobianco nahm die Augenbinde an sich und betrachtete sie interessiert, als berge sie ein Geheimnis.
Die Signora und die Kinder waren noch nicht ganz zur Tür hinaus, da sagte er leise, aber deutlich hörbar:
»Bemühen Sie sich nicht weiter, Signora Gaspari. Ich komme gleich zu Ihnen. Inzwischen würden Sie bitte veranlassen«, – wieder dieses Räuspern –, »dass man die Sachen des Jungen zusammenpackt.«
Die Signora schwieg und presste die Lippen aufeinander. Dann setzte sie ihren Weg fort, ohne sich umzudrehen oder durchblicken zu lassen, dass sie verstanden hatte.
Signora Gaspario saß wieder hinter ihrem Schreibtisch. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wollte den Mann am liebsten einfach hinauswerfen, doch sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Die Macht, die dieser Mann ausstrahlte, war nicht greifbar, aber sie war da, in jedem seiner Worte, in jeder seiner Bewegungen.
Sie presste die Augen zusammen und murmelte ein Gebet, das sie schon lange nicht mehr gesprochen hatte.
«Lieber Gott«, flüsterte sie, «lass diesen Jungen nicht verloren gehen.«
In diesem Augenblick betrat Capitano Capobianco erneut ihr kleines Büro. Diesmal setzte er sich nicht auf den Hocker. Er lehnte sich, die Arme vor der Brust verschränkt, an die Fensterbank. Signora Gaspari spießte Notizblätter mit dem Brieföffner auf.
»Seit wann ist er hier?«, fragte Capobianco.
Die Signora zögerte. Das war gründlich schiefgelaufen. Nicht nur, dass dieser Mann ihren besonderen Schützling entdeckt hatte, er wusste jetzt auch noch von der besonderen Begabung des Jungen. Das konnte gut oder schlecht sein, sie wusste es nicht. Sie wollte in jedem Fall verhindern, dass irgendein geldgieriger Tyrann ihren Liebling zur Jahrmarktsbelustigung machte. So sah dieser Mann zwar nicht aus, aber sie wusste einfach zu wenig über ihn.
»Schon lange«, antwortete sie endlich. »Es sind gut fünf Jahre vergangen, seit wir ihn gefunden haben. Er war damals nicht älter als zwölf Monate.«
»Wo hat man ihn gefunden?«
»In den Armen seiner Mutter«, kam bitter die Antwort. »Sie war schon tot, als wir sie fanden. Nun ja… Fast… sie starb unmittelbar danach.«
»Wissen Sie wer sie war?«
»In ihren Papieren war nur der Vorname noch lesbar: Lisa. Der Nachname war nicht mehr zu entziffern. Der Fetzen war völlig aufgeweicht.«
Als sie den Namen Lisa erwähnte, glaubte sie eine Regung im Gesicht des Mannes zu sehen. So als würde er sich erinnern. Doch seine Gesichtszüge verschlossen sich sehr schnell wieder und er fragte sachlich:
»Von wo kam sie?«
Die Signora lehnte sich zurück und blickte versonnen aus dem Fenster.
»Das weiß niemand genau.«
Aber Signora Gaspari ahnte, dass sie nur aus Florenz gekommen sein konnte. Ihre Kleidung war ganz und gar städtisch gewesen, wenn auch zerrissen und verlumpt. Und da Florenz die einzige Stadt in der Nähe war, war das ihr Resümee. Und Lisa musste ihrer Meinung nach einer der vielen Flüchtlinge gewesen sein, die damals aus der Großstadt vor den Bombenangriffen der Alliierten aufs Land flohen.
Die Signora hatte eine deutliche Vorstellung davon, wie die letzten Tage dieser Frau gewesen sein mussten.
»Hat sie denn niemand auf ihrem Weg hierher gesehen?«, riss Capobianco sie in die Gegenwart zurück. »Warum ausgerechnet Castelpiano?«
»Niemand hat sie gesehen«, antwortete die Signora wider besseren Wissens. »Und warum nicht Castelpiano? Das Waisenhaus war damals auch ein Notlager für Viele, nicht nur für Kinder. Es ist eigentlich ziemlich logisch, dass sie hierher wollte.«
Signora Gaspari dachte an Theresa Felicetta, jener Marktfrau aus Cantagallo, die Lisa und den Kleinen ein Stück auf ihrem Wagen mitgenommen hatte. Und sie war es gewesen, die Lisa von dem Haus in Castelpiano erzählt hatte. »Sie hat vor Irgendetwas furchtbare Angst gehabt, Signora Gaspari«, hatte die Felicetta mehrmals gesagt. »Wie die immer nach hinten geschaut hat, und das Kleine Wurm an sich gedrückt. Grad so, als hätt’ Sie ihn vor was Schlimmem schützen woll’n, das arme Ding.« Warum die Signora diese Information verschwieg, konnte sie selbst nicht sagen. Es war ihr einfach danach.
»Signora Gaspari«, wiederholte Capobianco. »Woher kam sie?«
Signora Gaspari schreckte hoch. Capobianco war dicht an ihren Schreibtisch herangetreten. Sie hatte es kaum bemerkt.
»Woher soll ich das wissen? Wahrscheinlich aus Florenz, wie die meisten, die’s damals aus den Städten aufs Land trieb. Sie musste früher eine sehr schöne Frau gewesen sein, das konnte ich sehen, als sie vor meiner Tür lag. Eine sehr schöne Frau.
»Sind Sie da ganz sicher? Eine schöne Frau?«
Signora Gaspari sah ihn trotzig und erschrocken zugleich an. Woher sollte er wissen ….?
»Ich sagte WAR. Dass sie sicher eine schöne Frau gewesen WAR.«
»Warum? War sie es denn nicht, mehr, als Sie sie sahen?«
»Nein. Beim besten Willen nein. Das konnte man nicht mehr behaupten.«
»Warum? Was war mit ihr?«
So sehr Signora Gaspari sich sträubte, ihr Wissen preiszugeben, so sehr witterte sie dennoch plötzlich eine Chance, wie sie Cesare vielleicht dabehalten konnte. Deshalb sagte sie ihm die Wahrheit:
»Sie war entstellt. Ihr Gesicht war von Ekzemen überwuchert. Der Arzt sprach von einer Krankheit …«
»Eine Krankheit? Welche Art Krankheit?«
»Ein komplizierter lateinischer Name, den ich mir nicht merken konnte. Aber er sagte auch, dass die Krankheit vielleicht erblich war. Vielleicht hat Cesare sie auch.« Sie hoffte ein wenig, dass ihn dies jetzt vielleicht beunruhigen oder gar abschrecken könnte.
»Bestimmt hat er sie«, erwiderte Capobianco ruhig.
Die Signora schwieg. Diese Bemerkung war überaus rätselhaft. Der Mann wusste eindeutig mehr, als er zu erkennen gab.
Es klopfte an der Tür. Valeria, eine kleine, grauhaarige Frau trat ein. Sie trug ein buntes Kopftuch. Die Lachfältchen um ihre schwarzen Knopfaugen verrieten ein heiteres Gemüt.
»Der Junge ist soweit, Signora«, sagte sie freundlich. »Soll er ’reinkommen?«
»Danke Valeria«, antwortete die Signora. »Aber Du solltest besser mit ihm draußen warten, bis ich euch rufe.«
»Wie Sie meinen, Signora«, sagte Valeria und wandte sich zum Gehen. Bevor sie die Tür wieder schließen konnte, sagte Capobianco sanft:
»Verzeihen Sie, Valeria, Sie kennen den kleinen Cesare gut?«
»Nun«, antwortete Valeria, während sie den Mann gründlich, aber nicht ohne Wohlwollen musterte. »Niemand kennt ihn so recht. Aber ich beobachte ihn schon lange. Wird er es gut bei Ihnen haben?«
»Dafür verbürge ich mich.« Capobianco sah ihr gerade in die Augen.
»Signora Gaspari«, Er sprach, ohne den Blick von Valeria zu nehmen. »Gestatten Sie mir, an Signora Valeria einige Fragen zu stellen?«
Die Signora zuckte mit den Achseln.
»Wenn’s denn sein muss.« Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Doch sie war aufgewühlt. Hoffentlich fing Valeria nicht wieder das Schwärmen an, was sie oft tat, wenn von Cesare die Rede war. Und das konnte sie jetzt gar nicht gebrauchen.
Capobianco zog die alte Frau ganz in das Büro und schloss die Tür. Er bot ihr den Hocker der Signora an, doch Valeria verzichtete. Also setzte er sich selbst darauf.
»Erzählen Sie mir die ganze Geschichte. Wie sie die Mutter mit ihrem Kind fanden, und was danach geschah. Auch die letzten fünf Jahre des Jungen. Ich möchte wissen, was euch so stark an ihn bindet.«
Die Alte warf einen kurzen Seitenblick auf die Signora, machte eine vage Handbewegung, so als bäte sie um Verzeihung, und sprach dann:
»Die Signora fand sie vor dem Portal. Sie entdeckte das Kind, brachte es ins Haus, rief nach mir, damit ich einen Arzt holen ging, und kümmerte sich dann um die Mutter. Als ich kurze Zeit später mit Dottore Varegho zurückkam, da hatte die Signora die junge Frau auf das Sofa im Besucherzimmer gebettet. Da war sie aber inzwischen schon tot.«
Valeria stockte kurz. Als sie fortfuhr, hatte ihre Stimme einen träumerischen Klang.
»Diese Frau, wissen Sie Signore, sie hatte das Antlitz einer Heiligen, obwohl es doch klar ist, dass… sie die letzten Monate ihres Lebens bestimmt als Kriegshure verbracht hat.«
»Warum denken Sie das?«, fragte Capobianco.
Valeria zuckte mit den Achseln.
»Ich denke es mir, weil sie so aussah.«
»Wie sah sie aus?« Capobianco war aufgestanden und machte einen Schritt nach vorn. Valeria wich zurück, doch da war nur noch die Tür.
»Sie war entstellt, Signore. Verstehen Sie, was ich meine? Diese Art von Entstellung…«
Capobianco sah zu Signora Gaspari hinüber.
»Teilen Sie diese Ansicht, Signora Gaspari? Dass die Entstellungen der jungen Mutter von Geschlechtskrankheiten herrühren könnten?«
Die Signora schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Das ganz sicher nicht«, sagte sie langsam.
Capobianco nickte. Er sah wieder Valeria an.
»Vergessen Sie das mit der Kriegshure«, sagte er hart. »Bitte fahren Sie fort.« Er ging wieder zum Fenster und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Fensterbank.
Etwas stockend nahm Valeria ihre Erzählung wieder auf.
»Der Dottore untersuchte die Tote sehr gründlich, und dann kam er zu dem Schluss, dass sie nicht allein an der Erschöpfung gestorben sein konnte. Er sagte, dass sie wie innerlich ausgebrannt wirkte. Wie er darauf kam, kann ich mir bis heute nicht erklären. Aber die Signora sagte …« Wieder blickte Valeria zu Signora Gaspari hinüber. Diese hielt den Kopf gesenkt und fixierte einen imaginären Punkt auf ihrer grünen Schreibunterlage.
»Die Signora sagte, die Frau hätte dem Jungen ihr Leben gegeben, doch Dottore Varegho wollte davon nichts wissen.«
Valeria lächelte und blickte Capobianco in die Augen.
»Ihr Männer versteht so etwas nicht, aber wir Frauen aus den Bergen sind von einem anderen Schlag. Bei uns geschehen oft seltsame Dinge, wenn sie verstehen, was ich meine, Signore.«
»Ich verstehe sehr gut, was sie meinen, Valeria«, antwortete Capobianco. »Weiter, bitte.«
Valerias Ton war jetzt sachlicher, und sie sprach rascher.
»Er gab uns einige Aufbaumittel für das Kind und stellte einen Totenschein aus. In ihrem Bündel fand sich außer Seife und einem Kreuz noch eine alte Identitätskarte, ausgestellt vom amerikanischen Stadtkommandanten von Florenz. Sie war fast unleserlich, nur der Vorname ›Lisa‹ war gut zu lesen. Dottore Varegho glaubte als Nachname ›Fiore‹ zu lesen. Wir waren anderer Meinung, aber was zählt schon unsere Meinung gegen die eines gebildeten Mannes? Außer dieser Karte fanden wir noch ein Kuvert, ohne Inhalt und ohne Marke. Aber ein Name stand vorn drauf, in zierlichen Buchstaben: Cesare Fleurissen. So nannten wir den Jungen, und so wurde er im Register auch eingetragen. Das war sicher nur ein Schuss ins Blaue, denn der Briefumschlag konnte ja wer-weiß-was bedeuten. Aber wir gingen einfach mal davon aus, dass er an den leiblichen Vater des Jungen gerichtet war – das war das einfachste für uns. Sicherheitshalber haben wir ihn bei Padre Thomasio dann noch taufen lassen, denn man konnte ja nicht sicher sein, dass dies schon geschehen war. Man überließ es der Signora und mir, über die weitere Zukunft des Kindes zu befinden, und was sollte man anderes tun, als es hier im Waisenhaus zu behalten?«
Hier machte Valeria eine Pause und setzte sich nun doch auf den Schemel. Dadurch rückte sie näher an Capobianco heran, der ruhig von der Fensterbank zu ihr herüberblickte.
»Es war ein Glück, dass es Sharah gab«, fuhr die Alte fort. »Cesare weinte die ersten Tage und Nächte, und reagierte nicht auf unsere Bemühungen, zu ihm zu sprechen. Sicher, er war sehr klein, aber trotzdem vermuteten die andern, dass er, nun..wie soll ich es sagen … zurückgeblieben sein könnte, Sie verstehen? Aber er ist alles andere als das. Sharah kümmerte sich besser um ihn, als eine Mutter das gekonnt hätte. Dabei ist sie nur ein kleines Mädchen. Aber sie hat einen guten Instinkt und…sehr viel Liebe. Vielleicht sollten Sie sie beide nehmen, aber das wollen Sie sicher nicht.«
Sie sah Capobianco hoffnungsvoll an, doch dieser gab keine Antwort. Dann redete sie weiter:
»Wir nennen sie ›i gemelli‹, weil sie immer nur zusammenstecken. Den beiden geht es gut miteinander. Und das Haus sorgt für sie. Man sagt viel Schlechtes über Waisenhäuser, aber dieses ist ein gutes, das können Sie glauben. Die Jahre gingen dahin. Unsere kleine Gemeinde kam wieder zu Kräften und die Region erholte sich. Es gab keine Amerikaner mehr und wieder genug zu essen, es gab bezahlte Arbeit. Cesare wurde drei, vier oder fünf Jahre alt, so genau wissen wir das ja nicht. Er ist ein unglaublich kluges Kind – er kann schon seit zwei Jahren lesen und schreiben, und er löst mir immer meine Kreuzworträtsel.«
»Er löst Kreuzworträtsel?«, unterbrach sie der Mann. »Wie ist das möglich? Um das zu bewerkstelligen benötigt man einen gewissen Grad an Bildung. Woher hat er die in diesem Alter?«
»Nun, er liest viel«, antwortete Valeria zögerlich. »Erwähnte ich schon, dass er schon seit zwei Jahren liest und schreibt? Er ackert unsere kleine Bibliothek durch, daher weiss er schon eine Menge.«
»Erstaunlich«, murmelte Capobianco. »Erzählen Sie weiter. Gibt es Verhaltensauffälligkeiten?«
»Jetzt, wo Sie fragen«, fuhr die Alte fort. »Sein Verhalten entwickelt sich tatsächlich eigenartig, denn er sondert sich von den anderen Kindern ab. Sein einziger Kontakt ist Sharah. Aber glauben Sie nicht, er sei arrogant oder verschroben. Er ist sehr freundlich zu jedermann, aber außer mit Sharah will er mit niemandem zu tun haben. Und merkwürdigerweise nimmt ihm das keiner übel. Er spielt selten mit andern Kindern, aber dafür wird er nicht verachtet. Es ist sogar so, dass ihm die andern Kinder mit Respekt gegenübertreten, vor allem die älteren. Manchmal bietet einer von ihnen Cesare ein Stück Fleisch von seinem Teller an oder bastelt ihm ein Spielzeug. Das nimmt Cesare dann freundlich lächelnd an, verbuddelt es unter seinen Sachen und holt es nie mehr hervor. Also, bis auf das Fleisch natürlich … das isst er.«
Valeria lächelte, als sie das sagte.
»Warum tun die andern Kinder das?«, fragte Capobianco leise. Valeria antwortete nicht. Signora Gaspari sah ihn regungslos an. Dann antwortete sie an Valerias Stelle:
»Das müssen Sie schon selbst herausfinden, Signor. Warum wollen Sie ihn denn unbedingt haben?«
Capobianco verfiel wieder in seinen kühlen Ton:
»Das, werte Signora Gaspari, geht nur mich etwas an.«
Die Signora schüttelte den Kopf.
»Ich wollte Ihnen nicht zu Nahe treten, Signor Capobianco. Aber vielleicht haben Sie schon bemerkt, dass uns an dem Jungen liegt. Wir lieben natürlich alle unsere Kinder aber … Cesare ist etwas Besonderes.«
»Ich weiß«, erwiderte Capobianco. »Glauben Sie mir, ich verstehe das besser, als jeder andere. Und gerade deshalb braucht er besonderen Schutz.«
»Warum sollten Sie ihn besser schützen können, als wir? Vielleicht sollten Sie sich die Sache noch einmal überlegen. In Ihrem Interesse, wie in dem des Jungen. Schließlich geht es ihm gut hier.«
»Sie wissen nicht wovon sie reden, Signora«, antwortete Capobianco, »dafür können Sie nichts. Umso größer ist meine Verantwortung, denn ich weiss umso mehr.«
Signora Gaspari senkte den Blick. Sie wusste, dass sie Cesare verloren hatte. Nichts konnte diesen Mann davon abhalten, ihn zu sich zu nehmen. Doch die letzten Worte des Mannes gaben ihr zumindest das Gefühl, dass er wusste, was er tat. Sie hoffte es sehr.
Für Sharah war der plötzliche Weggang des ›Bruders’ eine Katastrophe. Es nützte nichts, dass man versuchte, ihr klarzumachen, wie wenig verwandtschaftliche Beziehungen zwischen ihr und Cesare bestanden und wie glücklich dieser sich schätzen konnte, ein Heim gefunden zu haben.
Tagelang lag sie in ihrem Bett, weigerte sich, aufzustehen und aß nichts. Die folgenden Wochen weinte sie meist still vor sich hin. Die Signora tat alles, um ihren Schmerz zu lindern.
»Ich werd’ ihn suchen, wenn ich groß bin«, sagte sie ernst. »Und ich werd’ ihn auch finden. Und diesen bösen Mann, den werd’ ich dann..«
»Was wirst Du mit ihm tun? Woher willst du wissen, dass er böse ist?«, fragte Signora Gaspari streng.
»Gar nichts«, erwiderte Sharah und biss sich auf die Lippen. Doch in ihren Augen stand deutlich geschrieben, was sie dachte.
»An so was darfst Du gar nicht denken, Sharah«, ermahnte sie die Signora. »Nicht mal denken, hörst Du?«
»Ich kann denken was ich will. Und ich tu was ich will!«
Nichts half, außer der Zeit und die scheinbare Vergesslichkeit der Kinderseele. Sharah wurde ruhiger – zumindest sah es danach aus, und der Alltag normalisierte sich. Irgendwann wurde das Mädchen dann von einem Ehepaar aus Mailand adoptiert und Castelpiano sah sie nie mehr wieder.
Aber Sharah vergaß ihren ›Bruder‹ nicht.
Und Signora Gaspari? Sie saß oft an ihrem Schreibtisch und starrte ins Leere. Und dachte dabei an die kleine, schwarze Schachtel mit den seltsamen Symbolen und Schriftzeichen darauf. Man hatte sie bei Lisa gefunden, versteckt in der abgegriffenen Bibel, die sich in ihrem schmutzstarrenden Bündel befunden hatte. Wie wertvoll musste ein Gegenstand sein, dass man dafür eine Bibel zerschnitt? Für die Menschen dieser Region stellte dies ein ungeheures Sakrileg dar.
Die Signora verstand nicht viel von Symbolismus und solchen Dingen, und sie hielt auch nicht viel davon. Aber diese Zeichen auf der Schachtel hatten etwas Bedrohliches. Sie war froh, dass sie der Versuchung widerstanden hatte, Capobianco diese Schachtel auszuhändigen. Niemand würde sie vor der Zeit öffnen. Außer Cesare selbst.
Das Domizil Capobiancos war eine Villa, südlich von Florenz, im Elsatal, nahe dem Dorf Nevicata, was ›Schneefall‹ bedeutet. Die Villa war zwar groß und alt, und wurde von den Bewohnern des Dorfes ›das Schloss’ genannt, obgleich die Dimensionen nicht annähernd die eines Schlosses erreichten. In garibaldinischen Zeiten hatte man in und um das »Schloss« eine republikanische Garnison einquartiert; seitdem nannte man den jeweiligen Besitzer ›Capitano‹. Capobianco hatte sich an diese Bezeichnung so gewöhnt, dass er sie quasi als Vornamen verwendete.
Wie man einen unter der Sonne Italiens brütenden Ort ausgerechnet Nevicata nennen konnte, war Gegenstand einiger Sagen und Mythen, die man auch in der gut sortierten Bibliothek des Schlosses nachlesen konnte. Die meisten hatten die Zauberkünste des Capobianco Geschlechts zum Thema. Doch die moderne Wetterkunde führte den Namen auf den Winter des Jahres 1565 zurück, als halb Europa in einer kleinen Eiszeit erfror.
Jenes »Schloß« zu Nevicata wurde in der letzten Generation von zwei Brüdern bewohnt, von denen einer, Prospero, seine Cousine Celestina heiratete und Capobiancos Vater wurde. Capobianco lebte jedoch nur bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit seinen Eltern zusammen, denn diese verlagerten ihren Wohnsitz eines Tages überraschend nach Florenz. Capobianco wuchs dann – auf eigenen Wunsch – weiter unter der Obhut des Onkels auf, der das Schloß verließ, als Capobianco volljährig war. Im Dorf wurde darüber viel gemunkelt, und haarsträubende Thesen wurden formuliert: Die Brüder hätten sich heillos zerstritten, die Frau hätte sie entzweit, der Junge sei gar nicht der Sohn Prosperos … Und so weiter. Bestätigt wurde davon nichts, denn die Familie schirmte ihr Privatleben seit jeher hermetisch ab.
Den Ruch »giochi di prestigio« also Zauberei, zu beherrschen, hatten die Capobiancos seit Generationen. Auch dies wurde je, weder dementiert, noch bewiesen.
Der Capitano ließ sich selten im Ort blicken. Einkäufe tätigte er selten, er ließ sich meist beliefern. Natürlich gab es viel Gerede in dem kleinen Dorf und es war klar, dass man die Ankunft Cesares in Nevicata als eine kleine Sensation aufnahm.
Das Schloss hatte seit dem Verschwinden von Capobiancos Eltern kein weibliches Wesen gesehen. Ein Umstand, den Signora Gaspari als betrüblich erachtete, denn sie bestand darauf, dass Cesare ein Kindermädchen haben sollte, und zwar eines, welches sie, Signora Gaspari persönlich ausgesucht hatte. Auf diese Weise kam Violetta ins Haus, ein sanftes, etwas molliges Geschöpf, das sich ganz in seiner Aufgabe gefiel, niemals Geschichten machte und ein ruhiges Dasein fristete.
»Wenn Sie sich jedoch entschließen könnten, eines Tages zu heiraten … », hatte die Signora zu Capobianco gesagt, doch er hatte nur mit einer unwirschen Handbewegung geantwortet.
»Wenn Sie keinen Wunsch mehr haben, werde ich jetzt ebenfalls zu Bett gehen, Capitano.«
Violetta stand unsicher in der Tür zum Salon und drehte an den Enden ihrer Schürze.
»Schläft der Kleine?«
»Si, Signore, er schläft tief und fest.«
Sie knickste und zog sich zurück. Der Capitano wandte sich wieder dem Kaminfeuer zu.
Mit einer raschen Bewegung schüttete der Capitano Sand auf die Flammen, das Feuer erstarb. Er trat auf die Veranda hinaus. Das Schloss lag im Dunkel. Nur durch das Fenster der Signorina Violetta drang noch ein schüchterner Strahl. Die Bäume des Gartens traten als scharfe Silhouetten gegen das schimmernde Licht des Mondes hervor. Capobiancos Blick wanderte hoch zum Fenster, hinter dem der Junge schlief.
Die Andeutung eines grimmigen Lächelns umspielte seine Züge.
»Ich wusste ja«, flüsterte er rau, »dass ich Dich eines Tages finden würde.«

